Der Junge aus der Nachbarschaft

Heute war ich mal wieder alleine zu Hause (ich hoffe, das ist keine Lizenzverletzung), was mich eigentlich freute, da ich ohne Ablenkung ein wenig lesen, chatten und vielleicht einen weiteren Artikel über irgendetwas schreiben hätte können.
Aber wie so oft war mir Gott nicht gnädig und dachte sich: „Heute werde ich Benni mal wieder ein wenig überfordern, der reagiert immer so seltsam und ich habe dann eine bessere Beschäftigung als durch Fernsehen zu zappen, wo mich eh nichts überrascht – immerhin bin ich allwissend“. Gedacht, getan und schon hörte ich vor der Straße eine mir bekannte Stimme rufen: „¡Hola!“

Es war ein vielleicht 12-jähriger Junge aus der Nachbarschaft, der oft hier vorbeikommt, um zu betteln, oder manchmal mit Martin und Joel zu spielen. Einmal ist er auch mit uns in den Gottesdienst gefahren, ist dann aber abgehauen, um sich irgendwo ein bisschen Geld zu verdienen. Seine Mutter kümmert sich anscheinend gar nicht um ihn und in letzter Zeit kommt er sehr oft, um etwas zu essen zu kriegen, er hat Hunger. Er ist sehr schwer zu verstehen (ehrlich gesagt war mein Eintrag über die seltsame Aussprache der Paraguayer hauptsächlich ihm gewidmet) und unglaublich frech auf eine Art, dass ich ihm fast nichts abschlagen kann.

Und dieser Junge steht jetzt vor dem Haus und nuschelt etwas vor sich hin. Ich versuche es zu verstehen und nach mehreren Wiederholungen erkannte ich, dass er 5000 Guaranís wollte – für das Abendessen. Gut, ist umgerechnet noch nicht mal 1€, denke ich in meinem“reicher Westeuropäer, der den Bettler loswerden will“-Denkweise, ich werde schauen, ob ich was habe. Da ich nur einen 100.000 Guaranischein hatte (ich bin wirklich ein reicher Westeuropäer), ging ich zurück und erinnerte mich daran, dass ich mir eigentlich vorgenommen hatte Bettlern wenn möglich kein Geld zu geben, sondern die Nahrung, die sie ja angeblich kaufen wollen. Gut, also sag ich ihm er soll zum Tor kommen, ich geb ihm Brot. Kaum bin ich im Esszimmer, steht er schon neben mir, er war über den Zaun geklettert. Ich war total perplex und fühlte mich verpflichtet ihm zu erkären, dass verschlossene Türen, im Normalfall bedeuten, dass man nicht über sie drüber klettern soll. Ich war mir zwar nicht ganz sicher, ob er es vertanden hatte, lies es aber für ’s erste darauf beruhen. Da ich kein Brot fand (wir werden später herausfinden, wo es sich versteckte) bot ich ihm alles was auf dem Tisch stand an, in der Hoffnung er würde durch dieses großzügige Angebot den Kuchen, der in der Küche auskühlte, vergessen. Das war zum Glück in der Tat so, er packte die Reste vom Tisch und forderte Jogurt, was ich erst verstand als er selbstständig den Kühlschrank öffnete, um ihn sich zu holen. Hierbei löste sich auch das Rätsel auf, wo die Brötchen waren. Ich konnte ihn mit Mühe davon überzeugen, dass ich ihm weder Jogurt, noch den Kakao von Joel und martin geben konnte, allein schon deswegen, weil es nicht meins war. Wir einigten uns seinem Beutel noch ein paar Brötchen hinzuzufügen, aber durch den Kakao war er auf die Idee gekommen, er könnte ja auch Pulverkakao trinken. Dies teilte er mir mit einem Wort mit, das ich mir nicht merken konnte, vor allem deshalb, weil es mit Kakao nichts zu tun hat. Auf meine Frage sagte er mir, es wäre etwas zu trinken. Hmm, gut, ich füllte ihm ein Glas mit Wasser. Aber nein, das wollte er natürlich nicht und wiederholte das seltsame Wort. Ich erklärte ihm, ich komme aus Deutschland, könne daher nicht so gut Spanisch und verstehe nicht was dieses Wort bedeute; aus seiner Erklärung könne ich nur schließen es sei etwas zu trinken, und da es nach meiner Schätzung mindestens ein paar tausend Getränke gibt (hier zählte ich alle Getränke auf, deren spanischen Namen ich kannte, es waren nicht viele und seines war nicht dabei), könnte ich schlecht erraten was er meinte. Das verstand er anscheinend zumindest teilweise, er zeigte mir nämlich das Kakaopulvergefäß, auf der anderen Seite sah er mich auch sehr genervt an, als sei es meine Schuld, dass ich ihn nicht verstand. Aha, er will also Kakao, dass wäre kein Problem, wenn wir Milch hätten und wir hatten keine, die nicht schlecht war. Aber er hatte natürlich eine Lösung parat, die mich zum einen verwunderte, und mir zum anderen erklärte, warum ich das Getränk nicht kannte: er wollte, und hatte das anscheinend von Anfang an so geplant, das Kakaopulver in Wasser auflösen. Auch gut. Zwischendurch versuche ich ihn noch für Höflichkeitsformeln wie „bitte“ und „danke“ zu begeistern, oder sich selbst von seinem Platz zu erheben und sich Wasser zu holen, wenn man mehr trinken will, aber irgendwie drang es ganz zu ihm durch. Nachdem er so seinen nötigsten Hunger und Durst gestillt hatte wollte er gerade von mir rausgelassen werden (warum kann er denn nicht wieder über den Zaun klettern), als die Wiensens von der Bibelstunde zurückkamen, und ich ihn durch das Autotor rauslasse konnte.

Erst ein paar Minuten nachdem er weg war, hatte ich wieder die Distanz, mich nicht über ihn aufzuregen, sondern zu bemerken, dass er zum größten Teil für sein Verhalten und seine Lage gar nichts kann und es meine Aufgabe ist ihm zu zeigen, wie er ändern könnte, weil ich das Privileg hatte, in eine (eingermaßen) normale Familie hineingeboren zu werden, mit Eltern die genug Geld haben, um mich nicht hungern zu lassen, sich für mich interessieren und mich in meinen Interessen so sehr fördern, dass ich einen Auslandsaufenthalt machen kann.

Das alles war mir früher nur im Kopf klar, aber heute habe ich es so deutlich wie noch nie gespürt, dass das wirklich etwas Besonderes ist und nicht jeder dieses Glück hatte. Ich bin froh über diese Erfahrung, wenn sie auch noch so anstrengend und schmerzhaft war.

Heute beim Abendessen:

(Robert erwidert auf einen Vergleich Martins von „Dulce de Leche“ (paraguayischer Brotaufstrich) mit Kot er möge dies doch bitte genauer erklären. Martin lacht.)

Ich (erstaunt): Verstehen eure Kinder Ironie?

Robert: Ich glaube schon.

Ich: Meine (Ironie) meistens nicht.

Martin (verwundert): Hast du Kinder?

Dieser Spruch hat ungefähr tausend andere Fäkalienwitze zu viel zu früher oder später Stunde wettgemacht. Danke Martin!

Einige Betrachtungen, um die Zeit totzuschlagen (in pazifistischer Manier) I

Während ich gerade im sich endlos ausdehnenden Raum des Zwischennetzes viele kleine Himmelskörper, auch Seiten genannt, und da man sich von einem jeden solchen fast ohne Zeitverlust auf andere teleportieren kann – sollte man über die Fähigkeit verfügen sogenannte Tabs erzeugen zu können, kann dies sogar geschehen, ohne den Ursprungsort zu verlassen und somit das eigene Selbst aufzuspalten – parallel auf vielen Welten existieren kann, stelle ich fest, dass unzählige Leute sich ihren eigenen Planeten erschaffen haben, mithilfe von Gruppen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den zuvor Erwähnten ihren Wunsch zu erfüllen, ganz ähnlich den Bewohner von Magrathea (Hitchhiker’s Guide To The Galaxy – ihr Unwissenden!).
Viele dieser Wesen, die sich als Homo bloggus bezeichnen (vulgo: Blogger) verfügen über außerordentliche Schreibstile, erzählen Alltägliches neu und spannend (oder auch alltäglich und langweilig), erstatten Reiseberichte ähnlich dem meinen, die sie mit Metallicatiteln benennen, oder erfinden für ihre Namen neue Bedeutungen. Leider habe ich bis jetzt noch keinen gefunden, der längere Sätze schreibt als ich 😉 .

Nun frage ich mich schon seit einiger Zeit, genauer seit ich mir überlegte selbst einen solchen Planeten zu kolonisieren und ihn in all meiner Arroganz nach mir zu benennen, was anscheinend in der Gemeinschaft der elitäre Blogger Usus ist (dass damit die Rechte der indogenen Bytes fundamental verletzt werden, ist euch hoffentlich allen klar – Wahrscheinlich werde ich einen SorryDay in ferner Zukunft planen, bei der ich einen Eintrag darüber schreibe wie leid es mir tut, die Sache damit für erledigt ansehen und die Indobytes weiter in ihren Reservaten gespeichert lassen), woran eigentlich mein Interesse (und das der vielen Anderen) besteht mich in solch exhibitionistischer Art darzustellen (ihr habt euch das wahrscheinlich auch gefragt, spätestens bei dem Windelwechselnartikel).

Dazu ist zunächst zu sagen, dass ich bei weitem nicht ALLES Peinliche hier veröffentliche (zum Beispiel meine Schwierigkeiten, mich daran zu gewöhnen, dass man das Klopapier hier, aufgrund kleinerer Rohre, nicht mit den Fäkalien herunterspült, sondern in den Mülleimer schmeißt – was weniger stinkt als ich dachte – und meine daraus resultierenden MEHRFACHEN Griffe ins Klo, aus Angst eine Verstopfung zu verursachen. MIST! Jetzt habe ich es doch geschrieben) und, dass ich damit meinem Narzissmus genüge tue.
Dieses Geltungsbedürfnis erfasst anscheinend immer mehr Menschen, die ihre Gedanken aller Welt offenbaren, oder wenn sie über größere Weisheit als ich verfügen, nur einer relativ kleinen über eine Einladung verfügenden Minderheit.
Ich könnte nun weiter darüber nachdenken, WOHER dieses Geltungsbedürfnis kommt: aus mangelnden Selbstbewusstsein oder aus dem Überfluss daran? Liegt es in der Erziehung und hat nicht letzlich die Alphabetisierung des Pöbels dazu geführt, dass er Blogs schreibt? Aber blaues Blut führt nicht unbedingt zur Befähigung zum Schreiben, obwohl wir ja leider immer mehr zur Gesellschaft verkommen in der Bildung Reichtum und Reichtum Bildung bringt.
Aber eigentlich wollte ich ja jetzt aufhören zu schreiben, eine Schachpartie nachspielen und darüber nachdenken wie ich so ein exhibitionisitischer pseudo-intellektueller, Wörter-die-man-zusammen-oder-Sätze-die-man-getrennt-schreibt-mit-Bindestrichen-verbindender, Snob geworden bin 😀