Gethsemaneh in Heidelberg

(Dieser Text ist des Versuch eines Midrasch – einer erzählerisch-aktualisierende Auslegung – der Passionsgeschichte, insbesondere die Gethsemane-Episode, in Markusevangelium 14,26-52 in Verbindung mit einer nächtlichen Mahnwache vom 23. auf den 24.3.2015 vor der Asylunterkunft in der Kirchheimer Hardtstraße. Es lohnt sich beides zusammen zu lesen. Wenn du bei solchen und ähnlichen Aktionen dabei sein willst, schreib mir: bennikrauss[at]gmx.net)

gethsemanehDiese Woche verbrachte ich eine Nacht vor einer Asylunterkunft in Heidelberg, um mit circa fünfzig Menschen die Praxis nächtlicher Abschiebungen ins Licht des Tages zu ziehen und notfalls eine Abschiebung gewaltfrei zu blockieren.
Aufgerufen wurde zu der Mahnwache, weil am folgenden Tag ein Flugzeug vom Baden Airpark nach Serbien und Mazedonien fliegen sollte, voll mit Menschen die gegen ihren Willen abgeschoben wurden. Diese Abschiebungen betreffen meist Roma, die immer noch Opfer rassistischer Angriffe und struktureller Diskriminierung werden.
Ausgerechnet am Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma in Baden-Württemberg nach Auschwitz-Birkenau sollten Angehörige dieser Volksgruppen in Länder abgeschoben werden, wo ihnen der Zugang zu gleichen Rechten verwehrt wird.
Das Datum war wohl zufällig gewählt, offenbart aber die tödliche und andauernde Geschichte des Antiziganismus (der spezifischen Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur Ethnie der Sinti und Roma) in Deutschland, die immer noch unbewusst ist.
Abschiebungen finden nachts statt und werden oft nicht angekündigt, was einen zusätzlichen psychischen Druck ausübt und viele krank macht.
Die tiefe Unmenschlichkeit dieser Praxis wollten wir nicht unkommentiert lassen, sondern anprangern und uns ihr entgegen stellen.

Es war ziemlich kalt und ich war angespannt und verunsichert, wie die Nacht verlaufen würde. In unregelmäßigen Abständen kamen Streifenwagen vorbei, aber zu einer Konfrontation kam es nicht.
Anscheinend war in Heidelberg in dieser Nacht keine Abschiebung geplant, aber wir blieben dennoch die ganze Nacht, um sicher zu gehen und unserer Solidarität Ausdruck zu verleihen.

Dabei hatte ich viel Zeit, zu beobachten und mein Denken und Fühlen vor Gott zu bringen.
In den Wochen vor Ostern habe ich immer wieder die Gethsemane-Episode gelesen und nun fand ich mich selbst in ihr wieder.

Mitten in der Nacht wurde Jesus verhaftet, um ja keinen Aufruhr zu erzeugen. Abschiebungen finden unter anderem aus diesem Grund meist um vier Uhr morgens statt. Während Jesus aber freiwillig ans Kreuz geht, um die gewaltfreie Liebe Gottes zu den Menschen in letzter Konsequenz zu leben, ist für die Menschen, die abgeschoben werden, ihr Kreuz kein selbstgewähltes, sondern wird ihnen aufgedrückt. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Geschichten, der für mich auch die Blockade motiviert hatte.

„Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!“

Mit diesen Worten fleht Jesus seine Jüngerinnen und Jünger an, obwohl er schon angekündigt hat, dass sie ihn alle verlassen werden. In dieser Nacht braucht er ihre Solidarität, er kann diesen Weg alleine nicht weitergehen.
Die Jüngerinnen und Jünger aber schlafen immer wieder ein, und „wissen nicht, was sie ihm antworten sollten“
Sie verstehen Jesu Weg zum Kreuz immer noch nicht, sind erschöpft und verunsichert und können in dem Moment, in dem es darauf ankommt Jesus nicht zur Seite stehen. Als Jesus schließlich mitten in der Nacht verhaftet wird, fliehen sie und Petrus verleugnet seinen Freund und Lehrer, um sich selbst zu retten.

Gethsemane wurde in dieser Nacht für mich zu einem Gleichnis für die christliche Existenz in einer Welt, in der immer noch Unzählige durch Krieg, Fremdenhass und strukturelle Benachteiligung leiden und sterben. Im Umgang mit diesen „Geringsten“ (Mt 25) wird Jesus heute noch gekreuzigt, wenn zum Beispiel Flüchtlinge in ein angeblich „sicheres Herkunftsland“ abgeschoben werden, in dem ihnen als Angehörige einer diskriminierten Minderheit aber Obdachlosigkeit, Gewalt und Rechtslosigkeit drohen.

Jesus ruft uns aus diesen Menschen zu: „Bleibt hier und wachet!“ und genauso wie Jesus in Gethsemane brauchen sie unsere Solidarität in dieser schweren Stunde.
Wachsam zu sein heißt nicht, nie zu schlafen, sondern vor allem sich nicht einschläfern zu lassen vom verschleiernden Gerede unserer Ordnung, das mit Begriffen wie „Wirtschaftsflüchtling“ und „sicheres Herkunftsland“ gleichzeitig die Geringsten kriminalisiert und die eigene Gewalt verharmlost.
Zu Bleiben heißt, die Angst und den Schmerz zu teilen, den anderen darin auch auszuhalten.
In dieser Nacht hieß es, ganz wörtlich zu bleiben und zu wachen – im Angesicht von Polizei und möglicher juristischer Verfolgung. Niemand wurde verhaftet und die Chancen, dass etwas geschieht waren minimal, aber es war schon herausfordernd, mich überhaupt der Staatsgewalt in den Weg zu stellen. So was macht man ja nicht. Und wenn doch etwas passiert?

„Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ (Mk 14,38)

All die eigenen Ängste, die einschläfernden Beruhigungsthesen und die Erschöpfung, die das Leben in Nachfolge mit sich bringt, kommen in dieser Nacht hoch. Sie drohen uns zu überwältigen, dass wir einschlafen oder die Flucht ergreifen. Jesus rechnet damit und weckt uns immer wieder auf. Und er verweist uns auf das Gebet, um nicht in Schlaf oder Panik zu versinken.
Im Gebet können wir Gott unsere Angst und unsere Perspektivlosigkeit anvertrauen. In Gott finden wir zur Ruhe, die unsere Sinne nicht benebelt, sondern uns klar sehen lässt. Nicht von unserer sondern von Gottes Perspektive.

Es ist keine moralische Schwäche, die die Jüngerinnen und Jünger einschlafen lässt, sondern die überwältigende Mischung aus Erschöpfung, Unsicherheit, was kommen wird und ein Unverständnis, wer Jesus ist. Ich kenne diese Mischung und erlebe sie immer wieder. Es ist erleichternd, dass Jesus ihnen ihren Schlaf nicht zum Vorwurf macht, aber er braucht dennoch ihren Beistand.
Wie können wir im entscheidenden Moment Menschen beistehen?

Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger auf die Situation vorbereitet, in dem er immer wieder sagte, dass er in Jerusalem ans Kreuz gehen wird. Wir sollten diese Worte bedenken, wenn wir Jesus nachfolgen wollen. In Rollenspielen können wir die Situationen, in die wir uns begeben, vorher üben, um zu erfahren, was alles passieren könnte und ausprobiert zu haben, wie es sich anfühlt und was wir in einer Situation tun könnten.
Gebet steht dieser Vorbereitung nicht entgegen, vielmehr sollte sie im „beten ohne Unterlass“ (1.Thess. 5,17) geschehen. Nur so können wir den vielen Versuchung widerstehen, die uns begegnen. Neben Müdigkeit und Apathie wäre es auch eine Versuchung, einfache Feindbilder aufzubauen statt unsere Aktionen so auszurichten, dass sie unsere Widersacher herausfordern und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu solidarisieren. Gebet hilft uns, unsere Feinde zu lieben, weil wir sie nicht nur als Feinde sehen müssen und von dieser Erkenntnis her unser Handeln bestimmen lassen. Ein ungenannter Jünger fällt in diese Versuchung und zieht bei der Verhaftung sein Schwert und haut einem Polizisten ein Ohr ab (Mk 14,47).

Wir konnten dieser Versuchung widerstehen, weil wir klare Absprachen hatten und einander vertrauen konnten. Dieses Vertrauen galt unabhängig von unseren jeweiligen Gründen hier zu sein. Ich war aufgrund meines Glaubens an die gewaltfreien Liebe Gottes da, während andere andere Motivationen hatten. Einig waren wir uns, dass Menschen ein Recht auf gutes und sicheres Leben haben und die Abschiebepraxis einen Verstoß dagegen bildet, dem wir uns widersetzen müssen.
Dies war ein Bild gelebter Einheit in Vielfalt, von der auch Gemeinden etwas lernen könnten.

Zu Beginn des Artikels habe ich den klaren Unterschied zwischen Jesu freiwilligem Weg ans Kreuz und Abschiebungen benannt. Aber was wäre geschehen, wenn die Jüngerinnen und Jünger eine Sitzblockade gemacht hätten und Jesus bis zum Schluss nicht alleine gelassen hätten? Wahrscheinlich wären sie alle gekreuzigt worden, oder? Die Frage treibt mich um.

Diese Gedanken kamen mir in der Nacht vor der Asylunterkunft, während ich fror und ungewiss wartete was passieren würde. Irgendwann ging die Sonne auf und ich erinnerte mich: Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt, dass die Geschichte weiter gehen wird, obwohl sie ihn verlassen und verraten werden, auch wenn er hingerichtet werden wird.
„Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.“ (Mk 14,28)
In dieser Hoffnung ist es mir möglich, nicht einzuschlafen und wachsam zu bleiben, und in meinem Scheitern auf den Auferstandenen zu sehen, der bei uns ist und uns vorausgeht.

Native speaker

Kurzmitteilung

Heute sind zwei neue (deutsche) Freiwillige angekommen und haben die deutsche Mehrheit der Freiwilligen noch verstärkt: Im Moment sind wir sechs Deutsche und eine Engländerin. Als wir uns unterhielten, fragte einer der neuen die Britin, woher sie komme, worauf sie „from England“ antwortete. Er sagte: „It’s good to have native speakers around.“

Nun wundere ich mich, ob nicht Daher, zur Zeit der einzige Palästinenser auf dem Hof der „native speaker“ ist. Eine seltsame Situation hier auf dem Weinberg, wenn Freiwillige die Mehrheit sind und man zu weit entfernt ist, um täglich andere „native speakers“ zu treffen.

Am Donnerstag fängt inshallah unser Arabischkurs an. Vielleicht kann ich dann mehr in Kontakt mit den echten „native speakern“ treten.

Zweimal trampen, zwei Welten (Teil 2)

Dies ist der zweite Teil einer Anekdote. Teil eins ist hier.

Wir verlassen das Oktoberfest als es schon dunkel ist und müssen deshalb von Taybeh nach Ramallah und von Ramallah nach Bethlehem den doppelten Preis zahlen. Als wir um neun Uhr abends in Bethlehem sind, und verglichen mit einem Taxifahrer über den Preis gefeilscht haben, zeigen wir wieder mit dem Finger auf den Boden und siehe da ein Auto hält. Ein Mann um die dreißig und ein Junge um die 15. Beide sprechen kein Englisch. Wir machen ihnen einigermaßen klar, wo wir hin wollen, und unterhalten uns. Er sagt mir, dass das Bier, das ich in Taybeh gekauft habe haram ist und ich versuche ihm klarzumachen, dass das kein Problem ist, weil wir mesachi (Christen) sind und verhindere mit demselben Argument, das er meine Kollegin heiratet, aber plötzlich ruft der Fahrer einen Freund an, der Englisch kann und sagt ihm, dass er etwas übersetzen soll.

Der Freund fragt mich, wo wir hinwollen und ich sage: „Nahe bei Nahalin.“
-„Mein Freund will aber nicht nach Nahalin.“
„Kein Problem, er lässt uns bei Kilo Sabatasch (17) raus, wir laufen den Rest.“
– „Aber da sind die Juden, die bringen euch um!“
„Ich glaube, wir werden aufpassen, und das wird nicht passieren“
– „Oh. Wenn du dir da so sicher bist, vielleicht bist du gar kein Deutscher, vielleicht bist du ein Jude und gehst zu den Siedlern! Gib mir meinen Freund zurück!“
Äh… Ich weiß nicht, ob ich das gerne tun will, vielleicht sagst du dem ja, er soll mich gleich erschießen. Aber der Junge ist ja dabei, es wird schon nichts passieren.

Schlussendlich ist nichts passiert, und wir sind sicher beim 17. Kilometer rausgelassen worden.

Aber die Angst auf beiden Seiten vor den anderen beschäftigt mich noch immer.

Beiden, aber vor allem der Siedlerin hätte ich gerne gesagt,weil sie definitiv in der mächtigeren Position war, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Wenn dieses Land jemals Frieden finden wird, dann wird das erst der Anfang eines langen und schmerzhaften Prozess des Abbauens von Vorurteilen sein.

Und vielleicht können Projekte wie Zelt der Völker auch jetzt schon damit beginnen, ohne die dringenderen Fragen der Gerechtigkeit für die Palästinenser zu vernachlässigen. Wenn statt lauter Deutschen die Siedler mal zu Besuch kämen, und die Leute aus Nahalin.

Ich werde weiter trampen, und die Geschichten der Leute anhören.

Zweimal trampen, zwei Welten (Teil 1)

Sonntag morgen wollten wir zu dritt zum Gottesdienst in der Erlöserkirche in Jerusalem und waren, wie dass so ist, wenn drei Leute zusammen irgendwohin wollen, zu spät aufgebrochen. Weil man die Dauer der Fahrt nach Jerusalem kaum einschätzen kann, aber sicherheitshalber 90 Minuten einplanen sollte (für eine Strecke von knapp 20 Kilometern!) entschied ich für uns, dass wir trampen sollten. Also zeige ich mit dem Finger auf die Straße (so macht man das hier) und das erste Auto hält an.

Eine junge Frau mit Kind. Gelbes Nummernschild und sie kommt aus unserer Richtung, das heißt sie kommt aus Newe Daniel und ist eine Siedlerin.

Was soll’s, das heißt, für sie gibt es keinen Checkpoint und wir kommen schnell nach Jerusalem rein, weil wir auch nicht in Bethlehem umsteigen müssen. Wir steigen also ein und sitzen in ihrem Auto.

Normalerweise beginnt man jetzt ein Gespräch, aber über was rede ich mit ihr? Ich will ja in dem Auto sitzen bleiben und nicht gleich wieder rausfliegen. Man kann ja mal fragen, wo sie eigentlich hinfährt in Jerusalem. Nicht in die Altstadt. Mist, wir müssen also den Rest laufen. Wenigstens habe ich mal was gefragt.

Längeres Schweigen.

Sie fragt: „Was macht ihr hier?“
– Ja, hmm, was machen wir hier eigentlich? „Reisen“, antworte ich. (Immer eine sichere Antwort)
„Und wie gefällt euch das Land?“
– „Ein schönes Land, nur schade, dass die Leute nicht wirklich gut zusammenleben können.“ (Die unprovokativste Antwort, die mir einfällt).
„Habt ihr Europa nicht dasselbe Problem mit den Moslems?“
– „Eigentlich nicht“
„Werdet ihr aber bald haben, die kriegen nämlich so viele Kinder.“
-„Aha.“ (Kriegen das nicht auch die Orthodoxen?)
Sie zeigt auf die Apartheidsmauer, an der wir vorbeifahren.
„Die Mauer gibt es, weil sie sonst auf uns schießen.
Sie wollen keinen Frieden. Wir können nicht nach Bethlehem,
aber sie können hin, wo sie wollen“ (Da hab ich aber was anderes gehört)
-„Fühlen Sie sich bedroht durch die Palästinenser?“
„Ja, natürlich, letztens hat mich einer überholt und ich hatte Panik.
Wer weiß, ob der ein Terrorist ist und mich plötzlich rammt?“
-„Letzte Nacht habe ich auf einem der Hügel neben Newe Daniel geschlafen…“
„Ah, in Beitar Ilit?.“
-„Nein.“
„Rosh Tsurim?“
-„Nein. Bei einer christlich-palästinensischen Familie, direkt auf dem
Hügel neben Newe Daniel. Sie wollen Frieden und sind traurig, dass die
Leute aus Newe Daniel sie nie einfach so besuchen.“ (Also, ohne Waffen
 und ohne,dass sie was kaputt machen)
„Ah, die Christen sind anders.“ (Aha, und warum wird ihnen dann das
Leben genauso schwer gemacht?)

Die Fahrt ist zu Ende. Wir verabschieden uns höflich von ihr und kommen noch rechtzeitig zur Kirche.

Teil zwei folgt.

Oktoberfest in Taybeh

Manche Dinge tut man wohl nur, wenn man fremd in einem Land ist. Ein Oktoberfest besuchen, ist eines dieser Dinge.

Während ich mir noch nie überlegt hatte, zum bayerischen Oktoberfest zu gehen, war es gar keine Frage, dass ich zu diesem einzigartigen Ereignis in Taybeh, einem winzigen Dorf bei Ramallah gehen werde.

Einzigartig ist es auf mehrfache Weise. Zum einen ist es das einzige Oktoberfest in der Westbank. Was Sinn macht, schließlich gibt es in Taybeh auch die einzige Brauerei in der Palästina. Das Dorf ist außerdem das einzige verbliebene fast ausschließlich christliche Dorf in der Westbank, da viele christliche Palästinenser das Land verlassen haben.

Schon seit ich in Palästina angekommen bin, kam mit fast allen Internationalen, die ich getroffen habe, das Gespräch irgendwann auf das Oktoberfest, das im mehrheitlich trockenen moslemischen Palästina ein Mythos für westliche Freiwillige geworden ist. Würde ich also in ein überteuertes Trinkgelage für Westler kommen, mit Blasmusik und Lederhosen?

Ja und nein.

Ich habe diesen Typen hier getroffen, aber er war wirklich der einzige mit Lederhosen und Lebkuchenherz, was dieses Outfit wieder ziemlich cool gemacht hat.

Die meisten Besucher waren wahrscheinlich Internationale, aber es waren überraschend viele Palästinenser dort, und ich habe sogar ein paar Frauen mit dem moslemischen hijab gesehen, die vielleicht das alkoholfreie Taybeh mit dem grünen Etikett trinken wollten – grün ist die Farbe des Propheten – oder einfach die Touris anschauen wollten. Insgesamt waren es vielleicht ein paar hundert Leute, wobei es am Samstag voller gewesen sein soll. Das Programm war größtenteils auf arabisch und sehr laut, und trotz der kühlenden Sonnensegeln war es zu heiß, um viel zu trinken, weswegen wir uns schnell in einen benachbarten Garten verzogen, Wasserpfeife rauchten, und dann die Altstadt Taybehs, sowie die Brauerei erkundeten.

Die Brauerei wurde 1995 gegründet und verkauft sich vor allem im Westjordanland und in Israel, ungefähr 10% der Produktion werden exportiert. Wer die Möglichkeit hat, etwas von diesen 10% abzubekommen, sollte sie nutzen, denn Taybeh wird nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut und ist wirklich ein gutes Bier, es gibt ein Helles, ein Dunkles und ein Alkoholfreies. Leider müssen sie außer dem Wasser alle Zutaten (sogar die Flaschen!) aus Europa importieren, was mich sehr überrascht und ein wenig enttäuscht hat.

Oft werden die Zutaten, sowie die fertigen Biere an Checkpoints aufgehalten, was die Preise verzerrt, die eigentlich billiger sein könnten, aber immer noch (für mich) erschwinglich sind (in der Brauerei 1,20€ die Flasche).

Dieses Jahr war das Oktoberfest tatsächlich im Oktober (1.& 2. Oktober), wegen des späten Ramadans, normalerweise wird es zwischen Ramadan und Jom Kippur im September festgelegt (wie das richtige Oktoberfest).

Wer im Spätsommer in Palästina ist, Bier mag und keine Angst vor Internationalen hat,  dem würde ich das Oktoberfest in Taybeh empfehlen, denn es gibt wohl keinen Ort, wo diese drei Dinge sonst zusammenfallen, und dazu noch in einer so absurden Situation.

Hier gibt es einen Film über die Taybehbrauerei

Siedlerangriff?

Vorgestern ist hier etwas sehr seltsames passiert, das mir einige interessante Dinge über die Lage hier offenbart hat. Leider war ich nicht selbst dabei und kann euch die Geschichte nur weitererzählen, wie ich sie gehört habe, aber es ist wirklich so passiert:

Zwei weibliche Freiwillige pflückten am Rand des Grundstücks seltsame Zwergäpfel als sie einen Mann mit einem Esel sahen, der auf den Olivenbäumen des Nachbarn herumsprang, an ihnen zerrte und sein Bestes gab, sie zu zerstören. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie, dass sein Gesicht grün angemalt war.

Sie riefen ihm zu er solle aufhören und kamen auf ihn zu. Plötzlich hatte er einen Stein in der Hand rief: „What?! What do you want?“ Und dann noch einiges auf arabisch.Nach einer Weile ging er aber weg.

Sie riefen Daher, meinen Chef, und ich musste die Pferde von der Weide holen, damit sie nicht geklaut werden können.

Zum Verständnis der Situation sollte man noch wissen, dass es schon mehrmals vorgekommen ist, dass Siedler hier bei uns und in der ganzen Westbank Olivenbäume zerstört haben, die für viele palästinensische Familien die wirtschaftliche Grundlage sind und teilweise hunderte Jahre alt sind.

Als wir also beim Mittagessen und die Geschichte erzählt wird, lautet sie schon so: „Ein Siedler hat Olivenbäume zerstört. Das Gesicht hat er sich grün angemalt, um nicht erkannt zu werden, und das Arabisch war wahrscheinlich hebräisch (kann ja eh keiner unterscheiden), oder schon arabisch, aber Schimpfwörter.

Später kommt der Mann wieder (ohne Esel) und beschuldigt uns, wir hätten seinen Esel geklaut. Daher wird gerufen und unterhält sich auf arabisch mit dem Mann (erstaunlich für einen Siedler so gut arabisch zu können). Er macht ihm klar, dass wir den Esel nicht haben und ruft den Besitzer des Nachbargrundstücks an, um ihn zu informieren, was bei ihm eigentlich los ist.

Der Besitzer klärt uns auf. Der Mann ist Palästinenser und der Exmann der Tochter des Nachbarn. Er war anscheinend wütend auf die Familie seiner Exfrau und hat das ganze deswegen gemacht.

Keine Politik, nur eine Familientragödie.

Ich frage mich, wie oft das hier so ist. Das etwas wegen der Besatzung sofort als politisch motiviert verstanden werden. Im März wurde eine Siedlerfamilie in ihrem Haus ermordet. Wahrscheinlich war es ein Palästinenser, aber palästinensische Medien berichteten, es wäre ein Thailänder gewesen, der für die Familie gearbeitet hat und dem sie noch einiges Geld schuldete.

Egal, wer es war, niemand hat sich zu der Tat bekannt, warum ist es also so sicher, dass es eine politische Motivation war? In anderen Ländern bringen sich Leute auch grausam um und da sind es nur Verrückte, hier sind es alles gleich politisch motivierte Leute.

Ich will nicht behaupten, dass alle Siedlerangriffe und Terroranschläge nur die Taten von Geisteskranken sind. Sie haben klare politische Ziele, und der Konflikt gibt gerade gewaltbereiten Menschen eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Psychisch gestörte Menschen werden durch den Hassdiskurs auch instrumentalisiert, wie zum Beispiel in diesem Fall die Al Quds Brigade gesagt hat, sie wären es zwar nicht gewesen, aber es wäre trotzdem richtig.

Vielleicht gibt es hier in Palästina und Israel auch ganz viel Normalität, die trotz des Konflikts existiert und vom Konflikt beeinflusst wird.

Der erste Regen

In der Nacht von gestern auf heute gab es den ersten Regen der Saison. Zirka fünf Minuten leichter Nieselregen.

Woher ich das so genau weiß?

Ich schlafe zur Zeit auf dem Dach eines Hauses, weil es nie regnet und meine Höhle noch etwas feucht ist. Fünf Minuten waren genug, dass ich vom Regen aufwachen, mein Bett ins Büro räumen und ein zweites Mal aufs Dach gehen konnte, um zu sehen, dass ich nichts vergessen hatte, und stattdessen zu bemerken, dass der Regen bereits aufgehört hatte.

Zur Sicherheit habe ich dann weiterhin im Büro geschlafen; die Höhle war zu weit weg. Den Tag über hat es noch ein paar Mal minutenweise geregnet und aber zumindest habe ich meine Regenjacke eingeweiht.

Sündigt aber dein Bruder an dir…

Bei den Vereinten Nationen hat Obama heute seinen Kommentar zum palästinensischen zur Aufnahme in die Reihe der Staaten abgeben: Die Palästinenser sollen weiter direkt mit Israel verhandeln und nicht die internationale Bühne benutzen.

Das erinnert mich an den Besuch bei Sabeel, einem palästinensischen Zentrum für ökumenische Befreiungstheologie, während der CPT-Inforeise. Nach einem Vortrag nahmen wir dort an einer Abendmahlsfeier statt. Die arabische Liturgie, die wir auf englisch mitlesen konnten, war lebendig und feierlich.Statt einer klassischen Predigt führte der Pastor kurz in den Text ein und eröffnete dann das Gespräch über den Text an dem alle Anwesenden Teil haben konnten.

Die Lesung war: Matthäus 18,15-19

15 Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. 16 Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf daß alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund.17 Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn als einen Zöllner oder Heiden.18 Wahrlich ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.
   19 Weiter sage ich euch: wo zwei unter euch eins werden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

Ein Teilnehmer stellte eine interessante Gemeinsamkeit mit der Besatzung fest: Zunächst haben die Palästinenser direkte Verhandlungen probiert, dann haben sie mit den USA einen Vermittler gehabt, und diese beiden Methoden haben immer noch keine Verbesserung gebracht (sondern nur mehr Siedlungen, die Apartheidsmauer und weitere Zerstückelung des Gebiet eines eventuellen palästinensischen Staates).

Jetzt bringen sie den Fall vor die UNO.

Doch was passiert wenn die „Gemeinde“ den Fall nicht lösen will kann? Sollen die PalästinenserInnen Israel dann wie einen „Zöllner oder Heiden“ behandeln?

Und was heißt das? Ein Generalstreik unter den in Israel und den Siedlungen arbeitenden Palästinensern? Boykott, Divestment und Sanktionen (BDS)?

Hier kommt man nicht umhin zu bemerken, wie Theologie und Politik ineinander übergehen. Ich bin gespannt zu beobachten, was hier passiert, auch wenn ich das Gefühl habe, hier auf dem Weinberg kriegt man nicht wirklich viel mit.

Sabeel werde ich noch öfter besuchen.

„Ich habe geplant, ein Abenteuer zu erleben“

Das einzige, was mir vor meinem Flug nach Tel Aviv Angst gemacht hat, waren nicht Selbstmordanschläge oder gewaltbereite Siedler. Das waren für mich Dinge, die zwar passieren könnten, aber doch mit sehr niedriger Wahrscheinlichkeit. Aus demselben Grund hatte ich auch keine Angst vor einem Flugzeugabsturz. Nein, ich hatte Angst vor etwas, dass auf jeden Fall auf mich zu kam: Vor den Fragen bei der Einreise und der Möglichkeit nicht ins Land gelassen zu werden.

Dafür hatte ich mir die Haare geschnitten, mich frisch rasiert, ein schickes Hemd angezogen und meinen Laptop samt Facebookprofil von im entferntesten israelkritischen Details bereinigt.

Vielleicht war alles nur Panikmache, aber eine meiner Mitfreiwilligen war schon einige Stunden am Flughafen festgehalten worden und ich hatte einiges Verräterisches im Gepäck: Arabischsprachkurse, Karten des Westjordanlandes, alles Dinge, die die Geschichte vom harmlosen Pilger, die ich mir zurecht gelegt hatte anzweifelbar machten.

Außerdem merkte ich immer mehr, dass ich ein Problem damit hatte, den Grenzbeamten ins Gesicht zu lügen. Sollte nicht mein ja ein ja sein und mein nein ein nein?

Mit all diesen Gedanken im Kopf verabschiedete ich mich von meinen Eltern am Frankfurter Flughafen und checkte ein. Die Sondersicherheitsuntersuchung in einem abgelegenen Gate überstand ich schon mal, aber da wurde auch nur das Handgepäck auf Sprengstoff untersucht, den ich nun wirklich nicht dabei hatte.

Im Flugzeug saß ich neben einem nach Deutschland emigrierten Israeli, mit dem ich mich mit Gott und die Welt unterhielt, aber den Palästinakonflikt erfolgreich umschiffte. Ihm erzählte ich als erstes die Halbwahrheit von meiner Pilgerreise; ich werde mir die meisten heiligen Stätten anschauen, aber das ist nicht der Grund, warum ich da bin.

Nach ungefähr vier Stunden landeten wir in Tel Aviv und ich war froh, mich nicht mehr mit diesem netten Menschen unterhalten zu müssen, weil ich Angst hatte, mich zu verplappern und jemand das Gespräch überhören würde und mich in Probleme bringen würde.

In der Schlange bei der Einreisekontrolle war vor mir eine Gruppe deutscher Pilger, die mich fragten, was ich in Israel vorhatte und denen ich mit einem schlechter werdenden Gewissen, meine Geschichte erzählte. Ich kann ja kaum direkt vor der Immigrationsstelle meine Geschichte platzen lassen!

Dann endlich war ich an der Reihe der Frau am Einreiseschalter meinen Pass abzugeben und meine Geschichte zu erzählen.

Was machen sie in Israel?

Eine Pilgerreise. Ich bin Christ und würde gerne sehen, wo Jesus gelebt hat

Wohin werden sie reisen?

Jerusalem, Bethlehem, Nazareth,…

Wieviel Geld haben sie bei sich?

100€

(sie schaut mich entsetzt an)

Ich habe noch 100€ auf dem Konto!

(sie schaut mich noch entsetzter an)

Wo werden sie schlafen?

In Jerusalem, werde ich dann sehen.

(entsetzter Blick) Ok, hier ist Ihr Stempel und geben Sie bitte der Dame dahinten diesen Zettel und Ihren Pass.

Ich gehe erleichtert zur Dame dahinten und wundere mich was, der Zettel bedeutet und warum ich einen grauen habe und alle anderen einen pinken. Die Dame behält meinen Pass und sagt ich solle neben ihr warten. Ich werde nervös. Dann kommt ein Sicherheitsmann und fragt mich dieselben Fragen. Ich antworte mit denselben Antworten. Ich werde immer nervöser, versuche aber ruhig und freundlich zu bleiben und vor allem, dieselben Antworten zu geben. Da kommt eine neue Frage:

„Ich verstehe das nicht. Sie sind zum ersten Mal von zu Hause weg und haben nichts geplant? Keine Unterkunft vorher gebucht, oder irgendetwas?“

Mmh. Gute Frage.

Ohne zu wissen, was ich gerade tue, bewegen sich meine Lippen und ich sage mit so viel Selbstbewusstsein, wie ich aufbringen kann: „Ich habe geplant ein Abenteuer zu haben.“

Er gibt mir meinen Pass, lächelt und sagt: „Viel Spaß bei Ihrem Abenteuer.“

Danke, dass werde ich haben. Und vielleicht sehen wir uns in einem Jahr wieder und ich bin wieder in Erklärungsnot.

Gnade gegen Spende

Freakstock 2011_PC-81

Letzte Woche war ich auf Freakstock, dem jährlichen Festival der Jesus Freaks. Es war eine großartige Erfahrung und ich frage mich, warum mich niemand vorher dahin geschleppt hat… Genau diese Gemeinschaft an alternativen, fröhlichen Christ_innen habe ich lange gesucht und nun vielleicht endlich ein paar davon getroffen.

Es gab dort viel Schönes und Inspirierendes, aber das spannendste waren die Volksküche und die Band Psalters. Bei der Volxküche wurde tagsüber gekocht, sodass abends zusammen gegessen werden konnte. Eingeladen waren alle, zum Essen, wie auch zum Schnibbeln, Würzen und Spülen. Außerdem war das Vokü-Zelt ein Ort der Begegnung, am dem ich einen großen Teil der Zeit während des Festivals verbrachte und spannende Menschen kennenlernte.

Die Psalters sind eine Band aus Philadelphia, USA Turtle Island, die liturgische Texte mit Punk-Folkmusik mischen und sich als Nomaden verstehen. Ich kannte sie vor Freakstock nicht und bin immer noch sehr begeistert von dieser Musik, den Musiker_innen und ihren Konzerten (sie haben von vier Tagen 3(!) mal gespielt).

Was mich aber an diesen zweien am meisten überzeugt hat, war, dass beide einzig und allein auf Spendenbasis funktionierten. Bei der Vokü stand eine Kasse und man warf hinein, was man wollte. Der Stand der Psalters war immer besetzt und man konnte sich an Alben und Patches nehmen, was man wollte, gegen eine Spende beliebiger Größe. Es gab keine festen Preise und man gab so viel, wie man konnte und das Projekt unterstützen wollte. Man konnte auch gar nichts geben.

Diese Praxis hat mich zum Nachdenken gebracht und schließlich kam ich im Gespräch mit Freunden auf diese These: „Gnade gegen Spenden“ (Der Satz ist ein leider Anglizismus, „grace for donations“ und ich freue mich über bessere Übersetzungsvorschläge).

Was bringt mich zu diesem Gedanken? Gnade ist ein Wort mit dem viele Leute etwas vollkommen Unverdientes verstehen und auch zu recht. Die Gnade, die Gott uns anbietet können wir durch nichts verdienen. Egal, wie fromm unsere Lebensführung wäre, oder wie viel Frieden wir stiften würden; nichts kann die Gnade erkaufen – abgesehen davon, dass wir diese Dinge wohl kaum ohne Gott tun könnten. Das Konzept von der unverdienten Gnade erlöst uns aus dem Zwang „Gutes“ zu tun, der allzu schnell für einen höheren Zweck die Mittel heiligt. Es erlöst uns von Schuldgefühlen und zeigt uns, dass wir so angenommen sind, wie wir sind. Das ist die Predigt, die Rev. Vince Anderson uns in seinem Konzert über Gottes all-inklusive Liebe hielt.

Aber. Es gibt immer ein aber. Die Stärken eines Konzepts werden zu Schwächen, wenn sie ihr subversives Element verlieren, Allgemeinplätze werden und andere Wahrheiten verdrängen.

So ist es auch hier. Ich bin kirchenhistorisch nicht bewandert genug, um die genauen Ursachen für diesen Umschwung zu sehen, aber sagen wir einfach, die Tradition der Gnade hat die Tradition der Werkgerechtigkeit besiegt, und mit ihr auch alles verdächtig gemacht, was nach Werken aussieht. Wer auf die Notwendigkeit christlicher Werke hinweist und Zweifel daran hegt, dass alles, was Christ_innen nach ihrer Bekehrung tun sollen, lobpreisen und anbeten und keinen Sex vor der Ehe haben ist,  gilt bei manchen schon fast als Ketzer.

Da so aber auch schon die Propheten genannt wurde, lasse ich mich nicht stören.

Ich denke, Werke sind wichtig, vielleicht sogar essentiell – gleichzeitig kann man sich die Gnade nicht verdienen. Wie also soll man diese Dialektik auflösen?

Hier kommen die Spenden ins Spiel.

„Gnade gegen Spenden“ heißt, jede nimmt sich was sie braucht und gibt was sie kann. Manche brauchen mehr und geben scheinbar nichts, manche können wenig annehmen, meinen aber viel geben zu müssen. Manche geben anders, so wie bei der Vokü manche Essensspenden mitbrachten, oder Gemüse schnibbelten, während andere „nur“ einen 5€-Schein in die Kasse legten. Durch das Annehmen der Gnade kann man diese weitergeben und auch so etwas zurückgeben, wie manche begeistert von den Psalters erzählten und so Leute zu ihrem Konzert brachten, die später viel Geld für CDs gaben.

Diejenige(n), die die Kosten tragen und sich auf ein solches Konzept einlassen (sei es die Vokü auf einem bescheidenen Niveau, oder die Psalters, die tatsächlich mehr oder weniger von Spenden für ihre Musik leben, oder letztlich Gott, der sich und den Kosmos der Menschheit komplett ausgeliefert hat) brauchen ein gewaltiges Maß an Vertrauen gegenüber den zunächst bloßen Konsumenten.

Aber gerade durch dieses Vertrauen fühlen sich die Konsumierenden wahrgenommen und haben die Möglichkeit dieses Vertrauen zu bestätigen und Teil der Bewegung zu werden, die durch die Gnade ausgelöst wurde. Manchmal wird das Vertrauen auch enttäuscht, so wie als die Vokü 100€ im Minus war (ich hoffe es hat sich noch ausgeglichen), aber dadurch werden sich die Begnadigten erst ihrer Verantwortung bewusst und können sie wahrnehmen.

Eine letzte und spannende Gemeinsamkeit zwischen Gnade und dem Konzept der Schenkökonomie (zu der man das „gegen Spenden“ Prinzip zählen kann) ist, dass es vielen Menschen unglaublich schwer fällt, beides anzunehmen. Wir sind so gewohnt, dass alles einen festen Austauschpreis hat, dass man alles messen kann, dass Pflichten erfüllt werden können und müssen, dass es uns unmöglich und unerträglich erscheint, dass es etwas anderes gibt. Die Gnade erschreckt den gefallenen Menschen, weil er alles einteilen will, genau messen und ordnen will.

Ein solches Maß an Reich Gottes ist für das System höchst erschreckend. Zu Recht.