(Wieder) eingeschult

Nach dreimonatiger Generalpause und gut acht Monaten ohne deutsche Schule, ging es heute wieder los und zwar wie in der ersten Klasse.

Die Kursstufe begann zunächst einmal mit einem halbstündigen Vortrag über Fehlen im Unterricht – was sagt das über die vermutete Einstellung der Schüler seitens der Lehrer aus?

Weitere Höhepunkte des Schultages waren:

– das ich meinen Seminarkurs nicht belegen kann, den anderen nicht mag und somit ins mündliche Abitur muss

– das wir (der Lateinkurs) in Sinsheim Latein haben; was eigentlich klar war und deshalb erstmal ein paar Freistunden hatten

– vor den Fenstern des Chemiesaals slacklinen, was alle Schüler ablenkte die Lehrkraft herzlich wenig störte

– pyromanische Vorstellungsrunde im Deutschunterricht

Die Oberstufe verspricht spannend zu werden und vor allem entspannt, da ich zweimal die Woche erst zur dritten Stunde zur Schule muss und immer lange Freistunden habe. Außerdem muss ich den 13.Klässlern noch das Passwort für den Oberstufencomputer entlocken!

Kritik der reinen Langeweile

Heute ging ich ein letztes Mal zu dem Ort, an dem ich in den letzten Monaten, die meiste meiner wachen – und ein wenig schlafende – Zeit verbracht habe: Centro Educativo Ñandejara.

Ich wollte einen Beweis für die dort verschwendete verbrachte Zeit in Form eines Dokumentes mit Unterschrift, Stempeln und wer weiß wenn ich Glück hätte auch wächsernen Siegeln.

Leider war sie noch damit beschäftigt, als ich kam, und so konnte ich ihr nur mein Abschiedsgeschenk geben: Die Kritik der reinen Langeweile. Lächelnd nahm sie diese entgegen und ich erklärte ihr die Anspielung auf Kant, um nicht von vornherein die Gunst zu verlieren.

Wir unterhielten uns dann noch ein bisschen über die Probleme an der Schule, was ich hier gelernt habe, meine Haare, und einen Streit, der in meiner Ex-Klasse tobt.

Meinen Beweis bekam ich aber nicht und so muss ich in der nächsten Zeit dann nochmal kommen, um das Kapitel Ñandejara zu schließen.

Schule aus!

Nach fast viermonatiger Tortur war gestern mein letzter Schultag.

Frisch geduscht und mit Kamera bewaffnet kam ich in Ñandejara an. Wie jeden Freitag versammelten sich die oberen Klassen zum Flaggen hissen und während wir warteten, bemerkte ich, dass ich die Batterien für die Kamera vergessen hatte. Während ich noch versuchte von Klassenkameraden einen Ersatz auszuleihen, bemerkte ich eine Klassenkameradin, die auf der Tribüne verschwörerisch mit einer Lehrerin tuschelte und dabei immer wieder zu mir schaute.

Wenig später wusste ich, was sie getuschelt hatten: Ich wurde nach vorne gerufen, sollte ein paar Worte sagen, was ich nutzte, um meinen Mitschülern die Schuld daran zu geben, dass ich nicht wie erwartet fröhlich über das Ende meiner Zeit in Ñandejara war, und schließlich beteten sie noch für mich und meine Reise.

Dann ging es in den fast normalen Unterrichtsalltag, aber jeder Lehrer wollte noch einige letzte Worte an mich richten. Den ganzen Tag über signierten Schüler und Lehrer meine Schuluniform, bis man keinen freien Platz mehr finden konnte, weshalb mein vierjähriger Gastbruder kurzer Hand in zehn Zentimeter großen Lettern über die anderen Unterschriften schrieb. Die Lösung eines Mitschülers sah dagegen so aus, einfach auf meinen Nacken und meine Arme auszuweichen…

Meine Klasse hatte eine Torte organisiert; aber bevor wir sie anschneiden durften, musste ich ein Bonbon, das hineingesteckt war, mit dem Hand herausfischen – angeblich eine paraguayische Tradition. Naiv, wie ich nun mal bin, tat ich wie mir geheißen und gerade als ich es versuchte drückte man meinen Kopf hinein, die ganze Nase versank in Tortenschaum.

Zum Glück hatte ich morgens noch die Nase gewaschen und so konnten wir denn Rest dann noch essen, wobei der massenhaft vorhandene Schaum viele Gesichter verzierte.

Um halb sechs war der Schultag schließlich zu Ende, wir machten ein Klassenfoto und nach einem kleinen Abenteuer war ich stolzer Besitzer von 140 an diesem Tag geschossenen Fotos.

Ich verabschiedete mich von allen und ließ mir Emailadressen geben, um wenigstens virtuell Kontakt halten zu können.

Es ist schon seltsam, da gehe ich jeden Tag zur Schule und werde vor Langeweile fast verrückt und doch bin ich ein wenig traurig nicht mehr dort hinzugehen.

Aber am Montag muss ich nochmal hin, wenn auch nicht in den Unterricht – ich muss meine Bescheinigung abholen, dass ich all die Zeit „regelmäßig die Schule besucht habe“.

Und jetzt habe ich 11 Wochen frei, unterbrochen nur vom ersten und letzten Schultag in der Klasse 11c.

Noch ein Wort an alle Neider: Selbst mit dieser langen freien Zeit hole ich nicht all die Ferienzeit und Feiertagszeit von euch ein, ganz zu schweigen von der Zeit, die ich mehr Unterricht hatte als ihr.

Und wozu geht man denn ins Ausland, wenn nicht um frei zu haben?!

Gebt mir die Zeit zurück!

Heute hat mir meine Schule sechs Stunden Lebenszeit geraubt.

Die ersten drei Schulstunden kam die Fachlehrerin nicht. Dann hatten wir eine Stunde Reliunterricht, was aus zwei Versen und einem Monolog über selbige bestand. Danach eine Stunde Bibliothek, was ein Synomym für „Wir wissen nicht, wie wir euch beschäfigen sollen, aber ihr müsst trotzdem in der Schule sein“ ist und schließlich drei Stunden Physik/Chemie, die so genutzt wurden, dass alle Hefte eingesammelt wurden und die Lehrerin sie alle begutachtete und unterschrieb – 120 Minuten lang!

Ich versuchte Gespräche zu führen, aber es gelang nicht. Ich wollte die Sekunden zählen, die vergingen, aber bei 124 gab ich auf. Ich versuchte es zu genießen, da ich mich lange nicht mehr so sehr langweilen werde können, aber ich konnte dem nichts Positives abgewinnen. Schlafen konnte ich nicht, weil es zu laut war und wachen wollte ich nicht, weil ich dann die schreckliche Wirklichkeit betrachten müsste:

Ich war der einzige Nichtfatalist im Raum und verzweifelte an meinem Schicksal.

Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!!!

Es ist kalt geworden, hier in Paraguay. Es sind Temperaturen wie in Deutschland in einem milden Herbst. Hört sich ja gar nicht so schlimm an, Temperaturen von 10°C-15°C sind ja mit Pullover und vielleicht einer Jacke auszuhalten.

Denkste.

Nur gibt es in Paraguay keine isolierten Häuser, von Heizungen kann ich in bitterkalten Nächten träumen. Morgens gehe ich mit mindestens drei Kleidungsschichten zur Schule, sitze zitternd im Klassenzimmer – was die einzige Bewegung ist, um mich aufzuwärmen –  und meine Kollegen wundern sich, dass ich friere, wo ich doch aus dem hohen Norden komme.

Im hohen Norden ist jetzt Sommer und trotzdem haben sie manchmal Heizungen an!

Tödliche Halbwahrheiten

Nachdem ich dem Argument, das die HI-Viren kleiner seien, als die Latexporen in den Kondomen und Kondome deshalb nicht vor AIDS schützten, schon zum zweiten Mal gehört hatte und mit einfachem Widerspruch nicht weitergekommen war, beschloß ich, nachzuforschen.

In den Büchern (wie altmodisch, ich weiß) der Schulbibliothek habe ich nichts gefunden, weder einen Durchmesser von der HI-Viren, noch den der angeblichen Poren im Kondom, Wikipedia verriet mir einiges über die Geschichte des Kondoms und versicherte mir „Das Kondom ist das einzige Verhütungsmittel, das nicht nur eine Schwangerschaft, sondern auch eine Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten (beispielsweise HIV, Gonorrhoe und Hepatitis C) weitgehend verhindert.“

Aber es gab mir keine Erklärung, wie das denn zugehen könnte, wenn doch die Poren im Latex größer sind, als die HI-Viren – alle anderen Seiten die ich durchsuchte auch nicht.

Dann schließlich fand ich in einem Forum für Schwule, Lesben und Transsexuelle (ich frequentiere solche Seiten normalerweise nicht, aber Google gab sie als Suchresultat an und ich bin ja nicht homophob) die Antwort, die ich gesucht hatte.

Also kurz zusammengefasst für alle Wissbegierigen und Besorgten:

Ja, HI-Viren sind (um Einiges) kleiner als die Poren in Kondomen. ABER Viren sind außerhalb einer Wirtszelle nicht lebendig, wie euch jeder Biolehrer bestätigen wird. Deshalb werden sie nur in der Körperflüssigkeit – in diesem Fall Sperma, oder Blut – transportiert. Diese kann aber aufgrund ihrer Oberflächenspannung NICHT durch die Poren gelangen.

Also sind Kondome weiterhin die einzigen Verhütungsmittel die auch vor Geschlechtskrankheiten wie Syphillis und AIDS schützen.

QED

Jetzt muss ich das am Montag nur gescheit rüberbringen, damit die Leute mir nach dem ersten Satz, ja, die Poren sind größer als das Virus, noch zuhören.

Aber jetzt zum Titel des Eintrags: Ich hasse diese Halbwahrheiten und Falschinterpretationen von Fakten. Die Poren in den Kondomen sind größer als die HI-Viren? – Oh nein, ich muss alle warnen!!! Aber ein wenig weiter zu denken, das wagt niemand.

Und die Kondomverfechter sind größtenteils auch nicht besser:

Der Papst sagt also die Viren kommen durch die Kondome durch? – Nein, es gibt gar keine Löcher. Wir haben Studien, vertraut uns. Wir können euch hier nicht erklären, wieso das so ist, aber das würdet ihr ja eh nicht verstehen.

Also ich fände mich beim Papst ernster genommen. Der hat mir wenigstens was erklärt. Zwar falsch, aber als nur mäßig wissenschaftlich interessierter Mensch weiß ich das ja nicht, genauso wenig wie der Papst, oder mein Lehrer.

Ich hoffe mit diesem Post den Wissbegierigen einen Dienst erwiesen zu haben, die eine Erklärung haben wollen, statt Vertröstungen.

Es geht anscheinend auch anders

Es war viellecht fies, zuerst den anderen Artikel zu schreiben, aber es entsprach dem zeitlichen Ablauf und war das einprägendere Erlebnis.

Später am Tag hatten wir nochmal mit demselben Lehrer Unterricht, diesmal Biologie, und er hatte zwei Mädchen aus einer anderen Klasse eingeladen uns einen Vortrag über Familienplanung zu halten, der mich völlig überraschte: Klare Ausführungen, ohne Scheu den Penis und die Vagina beim Namen zu nennen, ohne moralischen Zeigefinger und doch mit Zusatzinformationen wie: die Kirche ist gegen diese Methode, weil es nicht die Vereinigung von Sperma und Eizelle verhindert, sondern die Einnistung der befruchteten Eizelle.

Es war ein für europäische Verhältnisse einwandfreier Vortrag über die gängigsten Verhütungsmethoden.

Nur diese Lüge, dass die HI-Viren durch die Löcher im Kondom kommen würden wurde auch hier verbreitet – und ich war der Dumme, weil es ja „wissenschaftlich erwiesen ist, dass Kondome nicht vor AIDS schützen“. Dass ich mir so was anhören muss; aus dem Mund eines Mädchens, dass sich einen Dreck um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gesunder Ernährung kümmert.

Auf meine Rückfrage wer das sage, schüttelte sie den Kopf vor soviel Unwissen: Alle wissen das.

Falscher Prophet

Es passiert öfter, das der Unterricht hier mit einem Gebet, oder einem Bibelvers begonnen wird. Es ist ja schließlich eine christliche Schule und es ist ja nur ein bisschen heuchlerisch, wenn die meisten in der Klasse keine Christen sind. Deswegen wird meistens ein Vers aus Psalmen, oder Sprüche gewählt, das sind eh so allgemein gültige Phrasen über Weisheit, Frauen in machistischen Weltbildern und Gehorsam gegenüber Eltern und Lehrern.

Aber gestern übertrieb es mein Lieblingslehrer mal wieder: Sein Text war Offenbarung, Kapitel 16: Die Ausgießung der sieben Zornschalen.

Passt super in sein Weltbild voller Verschwörungstheorien und Weltuntergangsphantasien.

Die Interpretation folgte dann natürlich auch gleich auf den Fuß: Das ist jetzt. Punkt. Er erging sich dann nur weiter in Beispielen, was alles schreckliches von Wissenschaftlern – die möchte ich mal kennen lernen, diese Wissenschaftler, von denen er immer redet – vorhergesagt wurde: Sonnenverfinsterungen ( praktischerweise wie in Off. 16,10-11), und der gleichen mehr.

Keine theologische Interpretation. Angst und Schrecken konnten sich zum Glück nicht manifestieren, weil meine Mitschüler sowieso so fatalistisch denken, dass ihnen der Weltuntergang auch nichts mehr anhaben kann – oder ist es nicht Pech, dass ihr Weltbild keinen Platz für ihr Handeln lässt?.

Mein Kommentar, dass jede Generation behauptet, zu ihrer Zeit würde die Welt untergehen, ging in der (Klassen-)Welt unter. Der Lehrer antwortete mir, wenn man in meinem Land nicht daran glaube, wäre ihm das egal, aber für ihn wäre jetzt Armageddon.

Schließlich sagte er noch er fürchte sich vor falschen Propheten – ich auch Professor Valentin, ich auch.

So schlecht ist meine Schule gar nicht

Schock und Anscheinend ist meine Schule doch nicht so schlecht, das waren meine ersten Gedanken.

Also, eins nach dem Anderen: Wie alle paraguayischen Medien heute berichten, hat gestern ein 82-jähriger -das der überhaupt noch unterrichten darf – Lehrer wurde von seinen Schülern gefilmt, wie er ihnen im Unterricht seine Pistole zeigte; mit der Begründung sie seien

unerträglich

gewesen. Dem Fernsehen sagte er:

Ich sagte ihnen, dass ich eine Waffe habe und wenn jemand ein Problem damit hat, soll er raus und auf der Straße auf mich warten.

Das Video hat keine gute Qualität, man versteht nicht, was gesagt wird, aber man erkennt klar, dass der Lehrer eine Pistole in die Luft hält.

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Der Lehrer wurde bis auf weiteres suspendiert.

Hier findet man das Video. Ich kann es leider nicht auf den Blog bringen, da ich nicht weiß, wie es geht. Auch wenn man das Gesagte ohne Spanischkenntnisse nicht versteht, die Bilder erklären sich eigentlich von selbst.

In meiner Schule tragen die Lehrer keine Waffen und die Meinungsverschiedenheiten werden mit Worten ausgetragen.

Nachtrag: Auf Youtube habe ich das Video dann doch noch gefunden, funktioniert’s?

aus der Luft gegriffene Meinungen unterrichten?!

Ich habe ja schon oft Verschwörungstheorien gehört, aber nie aus dem Mund eines Lehrers.
Kurze Zusammenfassung:    Wir haben im Unterricht gerade Sexualkunde – was auf einer christlichen Schule per se sehr interessant ist. Nachdem wir uns über die Verhütungsmethoden kundig gemacht hatten, entwickelte sich eine Diskussion über das (als ob es nur eine gäbe!) beste Verhütungsmittel. Der Lehrer, den ihr übrigens schon von dem Quecksilbervorfall kennt, sagte er und seine Frau benutzten nur die Kalendermethode, aber niemals Kondome. „Und warum nicht?“, fragte ich, auf eine evangelikale Antwort gefasst, aber er stellte mir eine Gegenfrage.
– „Weißt du woher AIDS kommt?“
„Ja, es war eine Krankheit unter Affen in Afrika, die sich irgendwie auf die Menschen ausgeweitet hat.“
– „Nein, es war eine Krankheit unter Homosexuellen in USA und als es bekannt wurde, hat man es dort erforscht, in Kondome gepackt und nach Afrika exportiert, um die Bevölkerungszahlen zu kontrollieren.“

Wer mich kennt, kann sich meine Wut annäherungsweise vorstellen. Bevor ich richtig loslegen konnte, unterbrach er mich und sage, dass sei seine Meinung.
Seine Meinung?!?! Er hatte das schon öfter als Argument benutzt und ich hatte ihm nie erklärt, dass das keines sei, weswegen es jetzt noch stärker aus mir hervorbrach: „Sie können nicht ihre Meinung unterrichten, sondern Fakten. Wenn man unbedingt diskutieren will, kann man sich nach den Fakten eine Meinung bilden und über diese diskutieren!“
Was er mit der Aussage ablehnte, Fakten kämen aus Studien, die durch Meinungen geprägt würden (was allzu oft stimmt, hier aber nicht!). Dann wurde er noch pseudo-philosophisch und sagte, man müsse (vor den Fakten) kritisieren und, dass deswegen die Philosophie gut sei (?!).
Ich begann mein Plädoyer für Kondome, und erklärte, es sei (nach Enthaltsamkeit) das beste Mittel gegen ungewollte Schwangerschaft und AIDS und habe eine fast 100%ige Sicherheit, wenn man es richtig benutzt.
„Aha, ein Kondom kann also kaputtgehen, man muss es richtig benutzen und Enthaltsamkeit ist besser“, folgerten plötzlich einige Mädchen. „Ja zu eins, richtig benutzen kann man lernen und zu drei, wer von euch wird schon enthaltsam sein?!“ Falsche Frage. Ich bin in einer christlichen Schule. Die meisten sind evangelikal oder in soweit katholisch, dass sie wissen, dass Verhütung schlecht ist.
Also habe ich jetzt alle gegen mich. „Ich werde enthaltsam sein“, erklärt mir eine Freundin. „Das finde ich toll, aber die meisten anderen nicht“, antworte ich. „Die HI-Viren sind so klein, dass sie durch die Poren im Kondom kommen. Frag die Profesora Mercedes, die hat darüber geforscht!“, sagt ein Klassenkamerad. Dass das eine Lüge ist, scheint nicht auf fruchtbaren Boden zu fallen. Der Lehrer „erklärt“ „In  Europa sind die Leute halt so. Eine Schülerin von hier war in Spanien auf einem Kongress, wo sie sich mit Name, Heimatland und „Ich bin noch Jungfrau“ vorgestellt hat – und alle haben sie ausgelacht!“ Als ich daraufhin dasselbe machte, lachte mich zwar auch jeder aus, aber den Sinn dahinter bekommt niemand mit.
Ich versuchte das Thema wieder auf Kondome zurück zu führen und klarzumachen, dass man sich durch Kondome vor AIDS schützt und es nicht dadurch kriegt, aber der Lehrer unterbrach mich jedes Mal mit Anekdoten wie, dass die Mennofrauen im Chaco früher an ihren fruchtbaren Tagen Zöpfe, und an den unfruchtbaren offenes Haar getragen hätten, um den Männern zu zeigen wann sie könnten – was sehr unrealistisch ist, da die Kalendermethode Aufklärung und Kenntnis des eigenen Körpers erfordert, wofür Mennos vor 50 Jahren nicht wirklich das Musterbeispiel waren -, oder, dass die Türken Tierdärme als Kondome nutzten, seiner Meinung nach besser – in Wirklichkeit hält das gar nichts auf! – oder, dass USA nur so mächtig sei, weil sie sich Geld von Israel geliehen hätte – und bei anderer Gelegenheit „die Deutschen“ als antisemitisch bezeichnen!!!
Jede einzelne dieser Geschichten begann mit der Frage an mich, ob ich wüsste, wie das und das passiert sei. Nachdem ich verzweifelt versuchte die Ablenkung zu ignorieren, sage ich „Nein, weiß ich nicht“, oder gebe eine kurze Erklärung, die er verwirft und allen die offensichtliche Wahrheit erklärt. Ich bin der unwissende Deutsche, der einfach nur meckert, und er der weise, alte Mann.
Schließlich wurde ich von Schülern gefragt, warum ich seine Meinung nicht stehen lassen könne und meine Meinung allen aufdrücken wolle. Es geht hier doch nicht darum, welche Eissorte die beste ist! Das habe ich leider nicht gesagt, stattdessen versuchte ich zu erklären, dass 1. ein Lehrer nicht seine Meinung unterrichten soll, 2. das keine Meinung sei, sondern eine Falschaussage, da wissenschaftlich klar erwiesen ist, dass HIV von einer Affenkrankheit aus Afrika abstammt und Kondome nach Enthaltsamkeit am besten davor schützen!
Daraufhin sagte meine beste Freundin hier: „Vielleicht habt ihr deshalb so viele Kriege.“ Ich war erst mal sprachlos. Dann bat ich sie um eine Erklärung. „Na ja, ihr könnt die Meinung von anderen nicht akzeptieren.“
„Verdammt, ich liebe und respektiere ihn doch! Nur seine Meinung nicht!“

Als die Stunde vorbei war, ging ich noch zum Lehrer hin, gab ihm die Hand und wünschte uns beiden Gottes Weisheit. Dann fiel mir in der Freistunde ein, dass der HI-Virus ohne Wirt nicht lange überleben kann, wodurch die ganze Virus-in-Kondome-packen-und nach-Afrika-schicken-Theorie in sich zusammenfällt. Dieses Wissen teilte ich meinen Klassenkameraden mit, die mich genervt anschauten, aber immerhin konnte ich einige überzeugen sich wenigstens selbst eine Meinung zu bilden, indem sie im Internet nachforschen, was immer noch besser als die Indokrination des Lehrers ist.
Als ich dann dem Lehrer den Untergang seines Schwachsinns verkündete, wusste er nicht um die kurze Lebensdauer des Virus außerhalb des Körpers, also sagte er, dass sei meine Meinung und es sei schön, dass ich diese Meinung habe und es mache ihm Spaß mit mir zu diskutieren.
Ich bin ihm nicht ins Gesicht gesprungen, was ich immer noch für eine große Leistung halte. Nimm mich als Gegenüber wahr, du … Kind Gottes!
Es fällt mir echt schwer ihn zu lieben…

Nachtrag 1: Als ich gerade alles in mein Notizbuch geschrieben hatte, zur Aufbewahrung des ersten Eindrucks, traf ich die Vertrauenslehrerin (es ist nicht wirklich diese Position, aber sie kümmert sich um die Probleme der Schüler untereinander und mit Lehrern). Sie fragte mich, was in Biologie passiert sei, worauf ich den Verlauf der Diskussion so gut ich konnte zu schildern. Sie schickte mich zurück in meine Klasse und kurz darauf holte sie mich nochmal ab, ich musste der Schulleiterin auf deutsch die Geschichte erzählen, die sie dann für die Lehrerin übersetzte. Am Ende bestärkten mich beide in meinem Handeln, baten mich so weiter zu machen, erklärten, dass fehle der paraguayischen Kultur (finde ich auch!) und die Lehrerin, die auch meine Religionslehrerin ist, sagte sie werde mich vermissen, weil ich immer kontra gäbe! Man muss vielleicht dazu sagen, dass es beides Argentinierinnen sind.
Ich bin sehr glücklich über das Gespräch, weil es mich zum Einen bestärkt hat, zum Anderen hat es mich von der Frage, ob ich das der Schulleiterin erzählen soll erlöst, ich konnte ja gar nicht anders!

Nachtrag 2: Robert hat mir gerade gesagt, dass es ein Riesenerfolg ist, dass sich die Direktorin und die Lehrerin auf meine Seite geschlagen haben, weil es in Paraguay üblich wäre, mich wegen Respektlosigkeit zu tadeln und den Lehrer zu verteidigen, selbst wenn man meiner Ansicht wäre und der Lehrer später zurechtgewiesen würde.