Wozu öffentliche Bibliotheken führen können

16. August 2010

Robs hat einen neuen Artikel geschrieben, eine Anekdote aus der Gemeinde über Autonomie und einfaches Leben, und über ein Buch, das in ihrer Gemeindebibliothek vorhanden sein wird. Er schreibt auch, dass ihn dieser Blogeintrag über Andrew Carnegie” nochmal bestätigt hat in der Idee die Gemeindebibliothek zu gründen.

Mal nachsehen, vom wem “dieser Blogeintragist. Ah, Kerstin, von ihr habe ich schon länger nichts mehr gelesen, schön was schreibt sie denn so über Andrew Carnegie, den zweitreichsten Mann der Welt, nach John Rockefeller?

“Vor fast 200 Jahren tat sich ein Weber in Schottland mit einigen anderen Männern zusammen. Sie stellten die fünf (!!!) Bücher, die sie besaßen, der Allgemeinheit zur Verfügung, eröffneten eine Leihbibliothek. Als dampfbetriebene Webstühle aufkamen und die Handweber mit der Konkurrenz nicht mithalten konnten, verarmte die Familie und wanderte nach Amerika aus.
Sein Sohn Andrew
[Carnegie] profitierte davon, dass ein reicher Bürger Philadelphias, seine private Bibliothek für interessierte Arbeiterjungs öffnete – man konnte sich jede Woche ein Buch ausleihen. Andrew bildete sich so gut er konnte und er hatte die Fähigkeit, Trends zu erkennen”

Da hat Robert also die Bestätigung für die Gemeindebibliothek her. Schön, dass Andrew trotz dem wirtschaftlichen Ruin seiner Eltern durch die industrielle Revolution eine zweite Chance bekommen hat. Hoffentlich behält er in Erinnerung was er erfahren und nutzt seine Fähigkeit, Trends zu erkennen” dazu, den beginnenden Großkapitalismus zu erkennen und etwas für die zu tun, die ein ebenso hartes, oder härteres Schicksal hatten wie er.

Ich lese weiter:

“In seinem Essay “The Gospel of Wealth” schrieb er einige seiner Überzeugungen nieder. Für ihn war der Glaube an den Fortschritt und die Weiterentwicklung der Menschheit Antrieb und Motivation. Er war überzeugt davon, dass begabte Menschen den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt der Menschheit entscheidend voranbringen würden. Dass sie in dem Prozess auch reich würden, war für ihn selbstverständlich.”

Da Carnegie sich nicht als Christ bezeichnete, werde ich nicht auf den seltsamen Begriff des “Evangelium des Reichtums” und den Widerspruch zum Evangelium Christi eingehen. Das könnt ihr selber tun, ich empfehle Matthäus 19,24.

Begabte Menschen bringen die Menschheit technisch und wirtschaftlich in der Tat weiter. Aber auf diesen Fortschritt kommt es doch gar nicht an. Es kommt darauf an, dass wir wissen, was wir mit den neuen Techniken anfangen sollen, ob diese uns hilft bessere Menschen zu sein. Gleiches gilt für die Wirtschaft.

Aber das tun sie beide gerade nicht, Technik macht uns abhängiger von der Wirtschaft, weil wir nicht länger wissen, wie wir ohne die Technik, die auf komplizierter Arbeitsteilung aufgebaut ist, leben sollen und die Wirtschaft redet uns ein, wir müssten immer mehr Technik kaufen. Um diese Technik herzustellen wird ein Großteil der Hersteller (der echten Hersteller!) ausgebeutet, muss in unwürdigen und giftigen Bedingung arbeiten, stirbt in Folge dessen früher und ihre Kinder haben keine Bildung – außer natürlich wenn wie bei dem jungen Carnegie ein netter reicher Mann die Bibliothek öffnet.

Das man reich wird, wenn man die Arbeitskraft derer ausnutzt, die ungebildet sind, deshalb keine andere Arbeit finden können und ihnen dann weniger zahlt, als das, was sie produzieren, wert ist, ist irgendwie selbstverständlich.” .

Aber, “Er hielt es für eine Schande, wenn ein Mensch reich sterben würde.”

Mist, da hat er jetzt das ganze Geld, wohin nur damit? Der Artikel verrät uns wie Carnegie darüber dachte:

“- Geld zu vererben betrachtete er als Gefahr für den Charakter der Erben, die möglicherweise nicht gut mit dem Reichtum umgehen würden.
- Geld zu verteilen hielt er für unsinnig, da seiner Meinung nach viele Menschen es nur für Konsum, nicht jedoch für persönliche Weiterentwicklung verwenden würden. Nachvollziehbar. Als ich im Flugzeug über die Spenden las, sagte mein Sitznachbar: “Die sollten mir was von dem Geld geben.” Auf meine Frage, was er denn mit dem Geld tun würde, antwortete er “Going to the beach and party…and have some drinks.” Aha.
- Geld dem Staat zu vererben hielt er für unsinnig, da damit nicht sichergestellt wäre, dass das Vermögen auf eine gute Art und Weise und im Sinn des Spenders verwendet würde.
Damit blieb für ihn nur die Option
- Geld während der eigenen Lebenszeit in Projekte und Dinge zu investieren, die dem Wohl und dem Fortschritt der Menschheit dienen.
Andrew Carnegie, lebte gemäß seiner eigenen Überzeugungen. Für ihn war der Zugang zu Bildung sehr wichtig und so finanzierte er unter anderem den Bau und die Ausstattung von mehr als Tausend Bibliotheken. Auch die Carnegie Hall in New York wurde von ihm finanziert. Insgesamt spendete er zu seinen Lebzeiten mehr als 90 % seines enormen Vermögens für Bildung und andere soziale Zwecke.”

Ich muss Carnegie recht geben, die drei ersten Optionen sind Schwachsinn und würden wahrscheinlich großen Schaden anrichten, weil Menschen mit so viel Geld eben nichts anfangen können.

Und seine Lösung ist doch genial, der Mann finanziert nachhaltige Institutionen, die vielen Menschen geholfen haben.

Bleibt nur die Frage, wie vielen Menschen er auf dem Weg dorthin geschadet hat.

Wie viele sind wegen ihm verarmt und brauchten deshalb erst seine Hilfe?

Ich hoffe, dass die Gemeindebibliothek in Costa Azul keine Carnegies hervorbringt. Die Welt hat schon genug wohlmeinende Kapitalisten. Ich hoffe, dass die Gemeindebibliothek Aktivisten, Rechtsanwälte, Bauern, Pastoren und Politiker hervorbringt, die die Unterdrückung, die uns Technik und Wirtschaft gebracht haben beenden. In Paraguay, Südamerika und der ganzen Welt. Und wenn ich mir die Bücher ansehe, von denen ich weiß, dass sie dort stehen werden, bin ich guter Hoffnung.


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Im Westen nichts Neues

12. August 2010

“Zwei Jahre schießen und Handgranaten – das kann man doch nicht ausziehen wie einen Strumpf, nachher -”

Nachdem es über drei Jahre in meinem Zimmer gelegen hat, habe ich den Antikriegs-Klassiker endlich gelesen, nein verschlungen.

Erich Maria Remarque lässten den 20 jährigen Paul Bäumer vom Leben in den Schützengräben des “Großen Krieges” berichten, der nach der Lektüre nur noch groß in seiner Widerwärtigkeit und Grausamkeit erscheint. Mit einfachen und eindringlichen Worten beschreibt er wie sich die jungen Soldaten, die sich, von ihrem Lehrer gedrängt, als Kriegsfreiwillige meldeten, dem grausamen Geschehen anpassen, fatalistisch dessen Ende herbeisehnen und dennoch weiter daran teilnehmen. Widerstand wird nur dem sadistischen Vorgesetzten Himmelstoß geleistet, aber nicht der Armee und dem Krieg an sich, die einfach als ein großes Übel aufgefasst werden.

Immer wieder denkt Paul darüber nach, wie das Leben als Soldat ihn verändert, ruiniert hat. In seinem Heimaturlaub kann er mit dem Zivilleben nichts mehr anfangen, eine Erfahrung, die viele der deutschen Truppen, die aus Afghanistan heimkehren nur allzu gut nachempfinden können. Den Begriff der posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) gab es 1928 noch nicht, aber er trifft hier genauso zu wie bei den heutigen Soldaten.

Paul und seine Kameraden lenken sich wenn sie nicht an der Front sind konstant ab, mit der Suche nach zusätzlichem Essen, Skat, oder dem Verführen französischer Witwen. Sie reißen derbe Witze über den Krieg und das Sterben, aber wie sonst sollen sie damit umgehen? Das Trauma kommt in jeder freien Sekunde.

Die Bilder von Giftgas, Maschinengewehren und Tanks, die Remarque eindrucksvoll heraufbeschwört sind bedrückender als die meisten Horrorfilme, aber noch erdrückender sind die tiefen Einblicke in die kollektive Seele der jungen Kriegsfreiwilligen, die direkt aus der Schule kommen und nichts anderes kennen. Das Zitat vom Anfang stammt aus einer Unterhaltung die Paul mit seinen Kameraden führt darüber, was sie tun, wenn Frieden ist. Es geht so weiter:

“Wir stimmen darin überein, daß es jedem ähnlich geht; nicht nur uns hier; überall, jedem, der in der gleichen Lage ist, dem einen mehr, dem anderen weniger. Es ist das gemeinsame Schicksal unserer Generation.

Albert spricht es aus. ‘Der Krieg hat uns für alles verdorben.’

Er hat recht. Wir sind keine Jugend mehr. Wir wollen die Welt nicht mehr stürmen. Wir sind Flüchtende. Wir flüchten vor uns. Vor unserem Leben. Wir waren achtzehn Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir mußten darauf schießen. Die erste Granate, die einschlug traf in unser Herz. Wir sind abgeschlossen vom Tätigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran, wir glauben an den Krieg.”

Der 1. Weltkrieg war natürlich anders als die heutigen “asymmetrischen” Kriege, aber die zerstörerischen Effekte, die der Krieg auf Menschen, gerade auf die Ausführenden, die Soldaten, hat, sind die gleichen geblieben. Darum hoffe ich, dass jede/r SoldatIn dieses Buch liest und sich der Meinung der Überlebenden des 1. Weltkrieges, des “Großen Krieges” anschließt und ruft:

NIE WIEDER KRIEG!

Nie wieder Krieg, Käthe Kollwitz

Nachtrag: Remarque fand nicht, dass sein Buch ein Antikriegsbuch, sondern, dass es unpolitisch sei. Er fand es unnötig zu sagen, dass das Buch gegen den Krieg sei, da jeder gegen den Krieg ist, wie er dachte.

1963 sagte er in einem Interview: „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, daß es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“

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Zahnbürstenrevolution

17. Juni 2010

Heute war ich beim Kieferorthopäden und habe eine Zahnbürste geschenkt gekriegt. Ich fand das ziemlich seltsam und dachte während die Kieferorthopädin mit ihren Fingern in meinem Mund war über Zahnbürsten nach – hauptsächlich um mich davon abzulenken, dass es ebenso seltsam ist, dass diese Frau, zugegebenermaßen mit großer Sorgfalt, in meinem Mund Metallstücke befestigt.
Als ich so dalag, auf diesem bequemen Zahnarztstuhl, kroch mir ein Ohrwurm in den Gehörgang und er hat mich seitdem nicht mehr losgelassen: Kennt ihr die Geschichte vom kleinen Johnny? – ein Lied das ich früher immer mit meinem Vater gesungen habe.
Es geht um den kleinen Johnny, dem Martin Luther King sagt er soll beim protestieren seine Zahnbürste dabei haben, denn wenn man ins Gefängnis kommt, muss man alles abgeben außer seiner Zahnbürste und deshalb ist die Zahnbürste ein Zeichen, das man bereit ist ins Gefängnis zu gehen.
Der Refrain geht mir nicht mehr aus dem Kopf:
„Hast du deine Zahnbürste dabei? Du wirst sie noch gebrauchen. Man sperrt heut noch viele Menschen ein, die gegen Unrecht sind.“

Mich haben zwei Sachen überrascht: Auf der einen Seite, dass ich mich überhaupt daran erinnere, weil ich nur ganz wenige Erinnerung aus meiner Kindheit habe, aber was mich viel mehr erstaunt hat, war radikale Botschaft, die dieses Lied hat:
Setz‘ dich für Gerechtigkeit ein und sei bereit dafür in den Knast zu gehen.
Für ein Kinderlied (und auch für ein Lied allgemein) ziemlich krass.
Im Endeffekt ist das Lied eine Neuformulierung dessen, was Jesus in Mk 8:34 sagt: (Lutherübersetzung): „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Im römischen Reich mussten politische Umstürzler, die zum Kreuzestod verurteilt wurden, ihr Kreuz meist selbst bis zum Hinrichtungsort tragen. Sein Kreuz auf sich nehmen, dass heißt nicht irgendeine Bürde auf sich nehmen, wie zumindest ich früher immer angenommen habe. Es heißt nicht, nimm diese Gebote auf dich und dann kommst du in den Himmel. Darum geht es hier gar nicht. Es ist bloß meine seltsame Lesart, von der ich nicht weiß, wer sie mir beigebracht hat, wenn es um Glauben geht immer, gleich an den Himmel zu denken.
Es geht darum revolutionär zu leben, sonst bräuchte man kein Kreuz, sich der unausweichlichen Reaktion des Systems dann aber nicht zu entziehen, sondern sogar sein eigenes Kreuz mit zu bringen. Zu sagen: „Tötet mich doch, dieser Kampf war es wert. Ihr könnt nur meinen Körper töten, doch mein Zeichen wird mich überdauern und ich werde in Gottes Reich leben, dem ihr euch weigert unterzuordnen.“ – Ok, hier hat es doch wieder was mit dem Himmel zu tun…
Für mich ist es jeden Tag neu ein Kampf mein Kreuz oder wahlweise meine Zahnbürste auf mich zu nehmen, ein Kampf, den ich oft aufgebe, bevor er begonnen hat. Auch wenn, oder gerade weil, es sich gut anfühlt den Staat und die Schule zu kritisieren und in der Schule der radikale Typ zu sein, den alle nur Dschiises nennen und der sich jedes Mal neu darüber aufregt und zu jeder Meinung eine Gegenposition bezieht, sind meine radikalen Aktivitäten an diesem Punkt zu Ende – bis auf das gelegentliche Übersetzen für CPT Deutschland, oder MCN…

Das Lied formuliert diese Aussagen in einer Art, die Kinder verstehen können, aber es vereinfacht das Thema nicht. Es wird vielleicht sogar krasser, weil es Kinder verstehen können. Ich würde das Lied gerne mal im Kindergottesdienst singen, aber ich habe das Gefühl noch nicht würdig dafür zu sein. Ich muss erst noch eine lange Zeit meine Zahnbürste mit mir herumtragen.

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Heute ist ein guter Tag ein Nerd zu sein

25. Mai 2010

Nerd sein ist schwer. Ständig muss man anderen Wesen erklären, dass das Leben sehr wohl sinnvoll ausgefüllt sein kann, wenn man Comics liest, Rollenspiele* spielt und tagelang darüber debattiert, welche die beste aller möglichen Parallelwelten ist. Immerhin gibt es ja unendlich viele. Nerds, wahlweise auch Freaks, oder Streber genannt, wir selbst bevorzugen die Bezeichnungen “Nerd” oder “Geek”, für die bisher noch keine konsensfähigen Übersetzungen ins Deutsche gefunden wurden. Aber eine Forschungsgruppe testet gerade verschiedene Versuchsreihen.

Dann noch all diese Menschen, die denken, Nerds seien alle gleich, dabei gibt es sehr differenzierte Gruppen von Nerds, die teilweise durch uralte Fehden verfeindet sind, was immer wieder dazu führt, dass Ikosader rollen müssen:

  1. DC- und Marvel-Leser
  2. DSA-, D&D-, AD&D-, Midgard-Spieler und Spieler vieler anderer Systeme
  3. Wikipedianer
  4. Sci-Fi und Fantasyliteraten
  5. Mathematiker
  6. Physiker
  7. Alchemisten (heute unter dem Denkmantel der Pseudowissenschaft “Chemie” bekannt, betreiben sie weiter die Suche nach dem Stein der Weisheit und der wahren Erkenntnis)
  8. Π-Jünger
  9. WoW gegen Guild Wars

Die Liste könnte noch sehr lange, weiter geführt werden, der Beweis, ob es endlich oder unendlich viele Strömungen des Nerdismus gibt steht noch aus, die zwei Möglichkeiten bieten wiederum zwei neue.

Diese inneren Streitigkeiten führen allerdings dazu, dass der Kampf um soziale Anerkennung – wie unwichtig sie den meisten Nerds auch offensichtlich ist, da sie sich sowieso seltenst in der sogenannten Realität aufhalten – gelähmt wird, was zu schweren Diskriminierungen gegen Nerds führt. So wird beispielsweise der volkanische Gruß (“Live long and prosper”) immer noch meist mit Lachen quittiert, statt mit einer ernsten Antwort.

Selbiges gilt auch für “Möge die Macht mit dir sein”, oder Menschen, die Elbisch als ihre Wahlsprache sprechen.

Man kann also durch aus von Nerdophobie sprechen und folgern, dass wir Nerds eine sozial benachteiligte Gruppe sind.

Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen und Geeks in ihrem Wesen zu bestärken, wurde der “Geek Pride Day” 2006 ins Leben gerufen. An diesem Tag sollen Geeks und Nerds stolz sein Geeks zu sein.

Der Geek Pride Day findet heute, am 25. Mai statt, gleichzeitig auch der Towel Day zu Ehren von The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy und dessen Autor Douglas Adams sowie Der Glorious 25th of May, für Terry-Pratchett-Fans. Drei Dinge stolz zu sein und diesen 25. Mai, und alle folgenden, gebührend zu feiern. Mit Handtuch, volkanischem Gruß und Scheibenwelt Romanen.

Live long and prosper!

PS: Noch ein paar meiner Lieblingszitate von Adams und Pratchett:

“An education was a bit like a communicable sexual disease. It made you unsuitable for a lot of jobs and then you had the urge to pass it on.”
Terry Pratchett
, Hogfather

[The pamphlet] was very patriotic. That is, it talked about killing foreigners.
Terry Pratchett
, Monstrous Regiment

God does not play dice with the universe; He plays an ineffable game of his own devising, which might be compared, from the perspective of any of the other players, to being involved in an obscure and complex version of poker in a pitch dark room, with blank cards, for infinite stakes, with a dealer who won’t tell you the rules, and who smiles all the time.
Terry Pratchett, “Good Omens”

In the beginning the Universe was created. This has made a lot of people very angry and has been widely regarded as a bad move.
Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy
There is a theory which states that if ever anybody discovers exactly what the Universe is for and why it is here, it will instantly disappear and be replaced by something even more bizarre and inexplicable. There is another theory which states that this has already happened.
Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy

Space is big. You just won’t believe how vastly, hugely, mind- bogglingly big it is. I mean, you may think it’s a long way down the road to the chemist’s, but that’s just peanuts to space.
Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy

*: Nein, nicht das woran du gerade denkst. Pen&Paper-Rollenspiele. Oder höchstens LARP.

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Mein irisches Tagebuch

5. Mai 2010

Es ist jetzt schon zwei Wochen her, das ich heimgekehrt bin, aber jetzt komme ich endlich dazu euch einige der unzähligen Höhepunkte (es war fast ein Höhepunktgebirge) meiner Studienfahrt, die ursprünglich nur Nordirland beinhalten sollte, zu berichten.

Montag, 12.4., 6:00Uhr, Bammental: Ich muss aufstehen, und bin obwohl ich meinen Koffer schon vorher gepackt habe, bin ich zu spät. Kommen trotzdem pünktlich in Heidelberg an, ein Bus fährt uns nach Frankfurt, nicht ohne dass zuvor der erst von vielen Sprüchen wie: “Benni, ist das dein Koffer, der da noch am Straßenrand steht?” geäußert wurde. Da ich meinen Palästinenserschal vorsorglich im Koffer verstaut hatte und mein Name scheinbar noch nicht auf der “terrorverdächtig, weil mal Arabischschüler”-Liste steht, darf ich einchecken. Der Flug ist ruhig, im Dubliner Flughafen, bekomme ich auf Nachfrage einen Einreisestempel, leider ohne Wappen… Wir bekommen eine Touristeninfo über Nordirland ausgeteilt, in der viel über Belfast und das Land steht, die Troubles aber mit keinem Wort erwähnt werden – es fühlt sich seltsam an. Noch ein Bus, der uns nach Belfast fährt, der Linksverkehr irritiert mich, was noch den Rest der Studienfahrt so bleiben wird. Ankunft in Paddy’s Palace, einem zurecht billigen Hostel, sichere mir ein Hochbett, um mir nicht den Kopf anzustoßen. Der Rest des Tages ist gefüllt mit einem Stadtspaziergang und einem Pubbesuch.

Das erste Guinness ist magenbeunruhigend schwer, schließlich darf man ein Guinness erst trinken, wenn man ihn den Schaum sein Gesicht malen kann. Die Liveband im Robinson’s infiziert mich mit dem Ohrwurm der Studienfahrt: 500 miles.

Dienstag, 13.5., 8:00 Uhr (eigentlich 9:00 Uhr in Deutschland): Spätes Aufstehen – zwei Daumen hoch. Nach dem Frühstück machen wir eine Busrundfahrt und steigen an verschiedenen Plätzen aus, um die wundervollen Vorträge der anderen Studienfahrtteilnehmer anzuhören, die (teilweise)  komplett aus Wikipedia kopiert eigenständig vorbereitet waren. Während der Rundfahrt kommen wir das erste Mal durch die Belfaster Viertel, die eine weltweite traurige Berühmtheit durch die Troubles, wie die Zeit der Kämpfe zwischen loyalistischen (Leuten, die weiterhin mit Großbritannien verbunden sein wollten) und republikanischen (denjenigen, die zum Rest von Irland gehören wollten) paramilitärischen Gruppen und zeitweise der britischen Armee in den 1970ern bis 1998 genannt wird, erlangten.

Es war faszinierend und beängstigend zugleich, durch die Straßen zu fahren, wo noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt, Bürgerkriegsstimmung und gleichzeitig “Normalität” herrschte. Noch krasser war, dass man im Stadtkern, gar nichts von der Auseinandersetzung sah, dort gab es noch nicht mal Wahlplakate der Sinn Fein oder der Unionisten (gemäßigte Loyalisten); nur Plakate des nordirischen FDP-Äquivalent, nach Aussage eines Busfahrers: “Those people only get voted by doctors and they’re are just nonsense” – Ist es nicht überall das Gleiche?

Das zweite Guinness wird schon besser…

Mittwoch, 14.4: Heute kriegen wir eine Führung durch Falls Street, dem katholischen Arbeiterviertel Belfasts, von Seamus, der zehn Jahre für die Unabhängigkeit als IRA-Mitglied im Gefängnis saß und heute für eine von der EU-finanzierte Organisation namens Coisture arbeitet. Er erzählt mitreißend von der Unterdrückung, die die Katholiken hier in Falls und ganz Nordirland erlitten, vom Beginn der Troubles, von der “Vergewaltigung der Falls”, als die Armee das Viertel nach Waffen durchsuchte, von den Hungerstreiks, bei denen sich IRA-Aktivisten im Gefängnis zu Tode hungerten, um als politische Gefangene anerkannt zu werden, vom Towel und Dirty Strike, bei dem sie sich weigerten Sträflingsuniformen zu tragen, sich in Laken wickelten und sich nicht mehr wuschen, er rechtfertigt den gewaltsamen Widerstand gegen die britische Unterdrückung und ich verstehe ihn, auch wenn ich weiterhin glaube, dass Gewalt keine Probleme löst, wie man in Falls sehen kann.

Am Übergang zur Shankill Road, dem protestantischen Arbeiterviertel, das von Falls durch meterhohe “peace lines getrennt ist, treffen wir unseren protestantischen Führer, der zehn Jahre für die Ulster Volunter Force im Gefängnis saß. Er und Seamus geben sich kurz die Hand, dann verschwindet Seamus so schnell er kann wieder nach Falls, ihm ist es immer noch deutlich unangenehm in Shankill zu sein. Unser neuer Führer redet viel davon, dass es ihnen ja auch nicht gut gegangen ist und wenn man die alten Häuser sieht, merkt man, dass hier schlicht und einfach zwei arme Schichten aufeinander gehetzt wurden. Davon, das Nordirland und Irland ja jetzt in der EU wären und man vorwärts sehen müsse. Er schafft es nicht uns seine Sicht der Dinge so nah wie Seamus zu bringen, dass ich seinen Namen vergessen habe, sagt auch schon genug aus.

Der Tag, reich an Eindrücken, endet mit einem von meinen Zimmergenossen gekochten Colcannon und dazu Guinness oder wahlweise Cider.

Donnerstag, 15.4.: Einen ganz Tag (fast) nichts politisches, sondern einfach nur die Landschaft genießen. Wir überqueren eine Brücke in schwindelerregender Höhe, sehen den Giant’s Causeway, eine einst von Riesen erbaute Landbrücke zwischen Schottland und Irland, die leider auch von Riesen zerstört wurde. Das Zertifikat fürs Überqueren der Brücke werde ich in meinen Lebenslauf einfügen und auch, dass ich im Atlantischen Ozean geschwommen bin, wodurch mein Herz den Rest des Tages seltsam schnell geschlagen hat. Die irische Landschaft ist unglaublich schön und es tut gut einen Tag lang ein einfacher Tourist zu sein und die ganzen politischen Zusammenhänge zu ignorieren.

Mittlerweile beschäftigen uns in der Gruppe auch ganz andere Dinge. Der Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen ist ausgebrochen und wie es aussieht kommen wir nicht mehr nach Hause. Während wir Schüler sich freuen über die verlängerte Studienfahrt, versuchen unsere Lehrer herauszufinden, welche Möglichkeiten es gibt, doch noch irgendwie nach Hause zu kommen.

Guinness schmeckt mittlerweile richtig gut.

Freitag, 16.4: Der Bus fährt uns nach Stroke City – die Schrägstrich-Stadt. Dieser Name wurde von Journalisten geprägt, die den Vorwurf der Einseitigkeit umgehen wollten. Denn eigentlich heißt sie je nach politischer Gesinnung Derry oder Londonderry. Hier verschlossen einst die Apprentice Boys den katholischen Zurückeroberern das Stadttor, sodass Nordirland protestantisch blieb, und hier fand am 30. Januar 1972 ein gewaltfreier Bürgerrechtsmarsch sein blutiges Ende als britische Paratroopers, eine Art Elitesoldaten, das Feuer auf die Demonstranten eröffnete und 13 Menschen erschossen, die meisten davon in den Rücken, als sie gerade flüchteten.

Hier, im katholischen Arbeiterviertel, Bogside, treffen wir Bob Kelly, der hier schon sein ganzes Leben lang wohnt und als Kind und Jugendlicher die Troubles und Bloody Sunday erlebt hat. Er und zwei Freunde haben diese Erlebnisse in Gemälden verarbeitet, Gemälde, die auf Häuserwände gemalt wurden. Derry ist für diese Murals mittlerweile weltberühmt, aber Bob und seine Freunde kriegen keine Unterstützung von der Stadt oder von der Regierung nur von den Leuten von Bogside kriegen sie ein wenig Geld für die Farben. Die drei nennen sich die Bogside Artists und sind während der Sommermonate eigentlich immer in ihre Gallerie zu finden, die für alle offen ist.

Bob führt uns durch die Bogside und erzählt von Bloody Sunday, von den täglichen Kämpfen, die sich zwischen Polizei und republikanischen Jugendlichen entwickelten und so zur Regel wurden, dass man zur Teatime pausierte. Er erklärt die Geschichten der Bilder, die Farbwahl, die persönlichen Randnotizen.

Er erzählt, das jedes Haus in der Bogside mindestens zweimal durchsucht wurde, wobei alles zerschlagen wurde. Erzählt wie Freunde von ihm unbeteiligt am Konflikt waren, aber irgendwie zwischen die Fronten gerieten und dafür mit dem Leben bezahlten. Immer wieder deutet er auf Gesichter in den Bildern und erklärt, woher er diese Menschen kannte. Beim Bild Petrol Bomber erzählt er uns von den Kindern, die Molotowcocktails bauten und dachten, sie könnten sich mit kaputten Gasmasken aus dem Zweiten Weltkrieg vor dem Tränengas schützen, die die Wirkung in Wirklichkeit nur erhöht haben.

Dann erzählt er uns von Free Derry, dem Viertel, das die Armee nicht mehr wagte zu betreten, weil sich die Katholiken organisiert hatten und von der Frau, die sie organisiert hatte: Bernadette Devlin McAliskey, die daraufhin jüngstes Parlamentsmitglied in der Geschichte wurde. Heute setzt sie sich für Immigranten ein.  Der Tod der Unschuld, wahrscheinlich mein Lieblingsbild. Es hat einige Veränderungen durch gemacht, früher war der Schmetterling nicht ausgemalt, das Kreuz dunkler und das Gewehr (nicht gut zu erkennen) noch ganz. Durch den Friedensprozess haben die Künstler diese Dinge dann in den heutigen Stand verändert.

Bob inspirierte mich sehr, da er für mich ein Zeugnis ist, wie man um Erinnerung bemüht sein kann, die die geschichtliche Wahrheit der Unterdrückung und Ungerechtigkeit benennt, und trotzdem die Hand ausstreckt zur Versöhnung. Ganz anders ist da das Museum of Free Derry, das von einem Angehörigen eines der Opfer von Bloody Sunday geleitet wird und der Ungerechtigkeit gedenkt, aber jeder Hoffnungsschimmer erstickt in dem muffigen Gebäude in dem die ganze Zeit der Livemitschnitt von der Demonstration läuft, wie am Anfang gesungen wird, und die Stimmung plötzlich umschlägt…

Wir sprechen in unserer Zimmergemeinschaft über unsere Gedanken zur Führung und dem Museum. Meine Kamera funktioniert plötzlich nicht mehr.

Am Abend feiern wir unseren “letzten” Abend mit den Lehrern – über eine halbe Stunde länger als ursprünglich erlaubt :D ..

Samstag, 17.4.: Wir fahren mit dem Bus nach Dublin und singen Karaoke. Wir haben mit Glück ein Hostel einer anderen Studienfahrt, die im Gegensatz zu uns, die wir nicht von Irland runterkommen, nicht reinkommen, erhalten. Das ist sehr viel schöner als Paddy’s Palace, aber dafür verwinkelter (Treppe hoch, laufen, Treppe runter, Treppe hoch…) und teurer.

Meine Zimmergenossen und ich sehen uns Dublin an, das viel schöner, aber dafür langweiliger ist als Belfast. Der Lonely Planet ist unser Reiseführer.. Ob wir nach Hause kommen ist unsicher

Sonntag, 18.4.: Ich besuche mit einem Mädchen aus meinem Lateinkurs die lateinische Messe in der Dubliner Pro-Cathedral, die Stimmung ist so feierlich und der Weihrauch riecht gut. Der Chor singt wunderschön und wir verstehen die lateinischen Teile besser als die englischen. Mal ist der Luftraum offen, Mal nicht…

Montag, 19.4.: Wir entwerfen in Gruppen Stadtrallys und lösen dann die einer anderen Gruppe. Teilweise fehlen ganze Hinweise, aber irgendwie kriegen wir es doch hin und haben dazwischen riesig viel Spaß. Wir werden Dienstag unsere Odyssee nach Hause beginnen und feiern noch Mal unseren letzten Tag, jetzt aber wirklich.

Dienstag, 20.4.: Viel zu früh stehen wir auf und besteigen die erste Fähre nach Holyhead, Wales. Es gibt ein riesiges Gerangel bei der Ankunft bis wir endlich unser Gepäck haben. Dann durch Wales und England nach Hull, wo wir die Nachtfähre nach Zebrugge nehmen. Auf der Fähre erleben wir überteuertes Essen, räuberische Wechselkurse, Playback-Livekünstler, und Glück und Pech im Spiel. Wir werden in den Schlaf geschaukelt.

Mittwoch, 21.4.: Mein Frühstück fällt den Schwankungen auf hoher See zum Opfer, aber zum Glück gibt es an Bord ja ein Buffet. Als wir in Belgien ankommen fahren wir sofort mit dem Bus weiter und kommen abends endlich in Bammental an. Wobei wir von mir aus auch noch ein paar Wochen auf der grünen Insel hätten bleiben können…

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weltweites Täuferwiki

15. Oktober 2009

TäuferwikiSeit ein paar Tagen versuche ich das “Global Anabaptist Wiki” zu übersetzen, oder zumindest die Hauptseiten.

Aber alleine schaffe ich es nicht, ich brauche deine Hilfe.

Was ist das Täuferwiki überhaupt?

Es ist eine von John D. Roth am Goshen College initiierte wiki Seite, die täuferischen Gruppen eine Plattform bieten soll, sich vorzustellen und die eigene Geschichte zu erzählen. Seit ich auf der Weltkonferenz einen Workshop dazu besucht habe, bin ich von der Idee fasziniert:

Ein ständig auf den neuesten Stand gebrachtes Lexikon, das die Lehrautorität der Masse hat. Hab ich gerade Masse gesagt? Da hab ich mich wohl verschätzt, aber damit das Projekt funktioniert, braucht es viele Leute, die ihr (Fach-)Wissen einbringen.

Man kann in jeder Sprache beitragen und braucht sich für die niedrigeren Seiten, also alle nicht Kontinentseiten, noch nicht mal anmelden.

Also, wenn du deine Gemeinde vorstellen willst, eine Geschichte erzählen willst, die deine mennonitische Identität deutlich macht, oder etwas anderes, was die (mennonitische) Welt interessieren könnte beitragen willst, veröffentlich es!

Categories: Allgemein, Gott & die Welt, Internet.

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Humanitäre Hilfe ist kein Verbrechen!

28. September 2009

Im Juni 2004 rettete das deutsche Schiff Cap Anamur 37 Menschen aus Seenot.

Für diese Rettungstat wird Kapitän Stefan Schmidt und Elias Bierdel in Italien der Prozess gemacht! Beiden drohen 4 Jahre Haft und eine Geldstrafe von jeweils 400.000€.
Der Prozess wurde mehrmals vertagt; der neue Termin ist der 7.Oktober 2007.
Im Oktober wird ebenfalls der Prozess gegen sieben tunesische Fischer verhandelt, die 2007 auch Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet haben.
Brot&Rosen, Pro Asyl und BAG Asyl rufen dazu auf, den italienischen Justizminister daran zu erinnern, dass humanitäre Hilfe kein Verbrechen ist.
Die Anklagen müssen fallen gelassen, die Angeklagten komplett rehabilitiert werden.

Es ist traurig und empörend, dass versucht wird couragiertes Handeln zu kriminalisieren und an Lebensrettern ein Exempel zu statuieren.

Einen Protestbrief kann man hier abschicken.

Für mehr Infos klicke hier.

Nachtrag: Die ZEIT hat einen Artikel zu dem bevorstehenden Prozess geschrieben.

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Wer ist hier der Feigling?

26. August 2009

Letztens stieß ich über mehrere Ecken auf einen interessanten Text. Darin argumentiert der Autor, dass Pazifismus die ultimative Immoralität sei, das Letzte überhaupt. Als ich den Artikel anfing zu lesen, dachte ich, es sei eine Satire.

So dumm kann doch niemand sein zu behaupten, Pazifisten seien Feiglinge, die keinerlei Widerstand leisten würden, wenn sie angegriffen werden.

Aber dann dachte ich an die zahllosen Diskussionen, die ich geführt habe, in denen mir immer wieder Feigheit vorgeworfen worden war. In denen man mir abstruse Szenarien von unendlich bösen Einbrechern vorgab, die meine Familie umbringen wollten und die nur ich mit tödlicher Waffengewalt aufhalten konnte.

Es scheint, dass viele immer noch nicht wissen, was das eigentlich ist: Pazifismus.

“Pazifismus” kommt von “pacem ficere” – Frieden schaffen. Ziemlich aktiv also. Die meisten Leute verstehen Pazifismus aber als “Passivismus” – passiv sein aus Prinzip.

Mahatma Gandhi, einer der bekanntesten Pazifisten überhaupt sagte einst: “Wenn es nur die Alternative zwischen dem Gewehr und nichts tun gäbe, würde ich natürlich zum Gewehr greifen” – aber, wie er mit seinem Leben zeigte, es gab immer einen dritten Weg.

Pazifismus bedeutet sich aktiv gegen Gewalt und Ungerechtigkeit einzusetzen, wie Gandhi, als er mit seiner gewaltfreien Armee Indiens Unabhängigkeit erwirkte, oder Badschah Khan seinem pakistanischen Mitstreiter. Oder Martin Luther King, der die Rassentrennung in den USA bekämpfte und erschossen wurde, bevor er den “Arme Leute Marsch” nach Washington organisieren konnte, der alle Unterdrückten, ohne Ansehen ihrer Hautfarbe, vereinen sollte, um Gerechtigkeit zu erwirken.

Pazifismus heißt seine Feinde zu lieben und Menschen in ihnen zu sehen, auch wenn sie uns das Gegenteil beweisen wollen.

“Gewalt ist die Waffe des Schwachen; Gewaltlosigkeit die des Starken.” Mahatma Gandhi

Categories: Frieden, Gott & die Welt.

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In der israelitischen Kultusgemeinde

25. August 2009

Heute war ich zum ersten Mal in einer Synagoge.

Davor sah ich mir die Dauerausstellung über die jüdische Geschichte im Raum Augsburg und die Wechselausstellung “(M)Ein gewisses jüdisches Etwas” an. Zu jener hatte das Kulturmuseum einfach dazu aufgerufen etwas, was für die Besucher typisch jüdisch ewar mitzubringen und die Geschichte dazu aufzuschreiben.

Am bewegendsten fand ich die Geschichte einer jungen Frau, die das Nachthemd ihres Großvaters gebracht hatte. Die Geschichte dahinter war die folgende:

Der Großvater war immer sehr distanziert und die Enkel konnten nie richtig in Kontakt mit ihm treten, obwohl er sie auf Reisen einlud. Er zeigte sich auch immer nur im Anzug und gab ihnen förmlich die Hand. Selbst vor seinem alten Haus in Augsburg, dass er wegen der Verfolgung durch die Nazis Richtung USA verlassen musste konnte der gehemmte Mann nichts aus seiner Vergangenheit erzählen.

Dann erkrankte er an Demenz, vergaß seine Gehemmtheit und sprudelte nur so vor Geschichten und umarmte seine Enkelkinder.

Die junge Frau war sehr dankbar dafür, dass sie so richtig mit ihrem Großvater in Kontakt treten konnte.

Die Synagoge durfte ich nur mit Kopfbedeckung betreten. Zum Glück gab es Papierkippas, die ich gleich mitgenommen habe.ich mit Kippa und Schläfenlocken

Die Synagoge war trotz der schwarzen Steine hell und ich fühlte mich mit meinen geistlichen Vorfahren verbunden. Ob die Synagogen, in denen Jesus predigten aussahen wie diese hier?

Das Bild vom Inneren habe ich nicht selbst gemacht, photographieren ist im gesamten Bereich leider verboten.

Als wir noch einen Cappuccino im Cafe der Kultusgemeinde tranken und überlegten, ob wir koschere Gummibärchen kaufen sollten, hörten wir einem Gespräch zu, in dem zwei Kinder eines im 3. Reich aus Augsburg vertriebenen Juden, von ihrem Vater berichteten und eine Frau vom Museum protokollierte es und versuchte mehr über ihn zu erfahren. Eine der ersten Fragen: “War er ein säkularisierte Jude, oder ein orthodoxer?”

Antwort: “Er spendete der Synagoge Geld.”

Frau vom Museum: “Also säkularisiert.”

Eine kurze Bemerkung zum Titel: “Israelitische Kultusgemeinde” steht am Eingang. Die Synagoge ist nur der Gottesdienstraum, der Rest nicht.

Zum Staat Israel gab es keine Aussage.

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Es gibt sie doch, die Hoffnung!

20. August 2009

Dieser Text erreichte mich gerade über den Nachrichtendienst von CPT (Christliche Friedensstifterteams), für den man sich hier einschreiben kann. Dort wird man regelmäßig über die Erlebnisse der einzelnen Teams aufgeklärt und diese senden auch Gebetsanliegen, oder Aufrufe für Emailproteste und ähnliches. CPT ist eine christliche Organisation, die gewaltfrei den Unterdrückten in Krisengebieten beistehen will und sich in den Weg stellt, um den Kreislauf der Gewalt zu beenden.

vom 10.7.2009

Heute gab es im Dorf At-Tuwani, in den Hügeln südlich von Hebron ein Training in Gewaltfreiheit. Es gab morgens einen Workshop für Frauen und abends einen für Männer. Es kamen Leute aus Mfaqqara, Rakiis, Juwayya, und natürlich, At-tuwani.

Diese Nachricht geht an alle Zweifler. Dies geht an Obama, weil er die palästinensische Gewalt kritisiert hat, ohne den gewaltfreien palästinensischen Widerstand anzuerkennen, und die israelische Gewalt zu erwähnen. Dies geht an alle Leute, die denken, dass die Militanten in der Hamas das gesamte palästinensische Volk widerspiegeln. Dies geht an die Leute, die nicht anerkennen, dass Palästina unter Besatzung ist (warum würden die Leute sonst den gewaltfreien Widerstand organisieren?). Dies geht an alle, die denken, das Schwert sei mächtiger als die Feder. Dies geht an alle Leute, die denken, dass Gewehre mächtiger als die Stimme seien. Dies geht an alle, die glauben, dass Macht und Unterdrückung lauter sind als die Schreie nach Gerechtigkeit und Frieden. Dies geht an alle, die nicht mehr glauben, dass es Hoffnung gibt.

Originaltext hier. Dieser Blog ist von einem CPT Mitglied in At-Tuwani.

Ich finde ihre Arbeit sehr wichtig und würde mich freuen, wenn einige von euch über meinen Artikel mehr über die Arbeit von CPt erfahren wollen.

Categories: Frieden, Gott & die Welt, Politik.

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Survival überlebt!

13. August 2009

Am 1. August trafen sich sechzehn saubere Menschenkinder, um im Verlauf einer Woche immer dreckiger zu werden – und um eine Woche lang ohne Strom, fließend Wasser und den ganzen Schickschnack zu leben.

Das raue Überleben begannen wir mit Brötchen, Marmelade und Trinkjogurt auf der Neu-Dahner Burgruine. Danach wurden erstmal Verpflegung, Kochutensilien und ähnliche Zivilisationsübereste auf alle Gruppenmitglieder verteilt. Da ich unbewusst auf Besteck und anderes verzichtet hatte, konnte ich unter anderem drei Kilogramm Reis aufnehmen – hätte ich etwas nachgedacht hätte ich 750 Gramm Milchpulver genommen, was dasselbe Volumen hatte. Dazu kam dann noch der ZEHN Liter Wassersack; warum nahm ich den, wo es doch auch VIER Liter Wassersäcke gegeben hätte?

Nachdem alles verteilt war, ging die Wanderung los. An einem Aussichtspunkt stimmten wir uns ein und dann liefen wir durch den Pfälzer Wald und liefen weiter durch den Pfälzer Wald und weiter…

Das Tolle an der Natur ist, das alles gleich und verschieden zur selben Zeit ist: Ein Baum sieht aus, wie der andere und dennoch sind alle unterschiedlich. Erst nach einer Weile gewöhnten sich meine Augen daran, dass nichts mit grellen Farben ihre Aufmerksamkeit heicht. Ich erkannte verschiedene Grünschattierungen und Blattformen.

Nach einer Ewigkeit kamen wir an den Hohlen Felsen an, einer Gesteinsformation mit großen Überhängen, die unser Nachtlager bildeten. Das beste Gefühl war den Rucksack abzusetzen und ihm Laub einzuschlafen.

Doch es ging weiter, wir mussten Feuerholz sammeln, kochen und unsere Lagerstätte herrichten. Ein vorzügliches Essen später wollten wir eine Anbetungszeit haben, aber seltsame Käfer-Fliegen-Monster, die keinerlei Respekt vor unserer Privatsphäre hatten flogen uns in Ohren, Augen, unter Kleidung und auf der Haut herum.

So legten wir uns auf unsere Matten, um morgens mit seltsamen wässrigen Blasen zu erwachen. Was das war ist immer noch unklar, wahrscheinlich eine Naturallergie (eine unglaubwürdige Theorie spricht von reizenden Raupenhaaren). Wir mussten weiter und so ähnlich verliefen alle Tage – manchmal wuschen wir uns in Bächen und Seen, oder spielten ein Gruppenspiel, das wir gut meisterten, da wir gut zusammen konnten.

Es war eine existenzielle Erfahrung für mich, alles selbst zu tragen und so von dem Rest der Gruppe abzuhängen. Ständig dachte ich darüber nach, was ich hätte zu Hause lassen können und freute mich, wenn es “mein” Essen gab, also das, was ich im Rucksack trug.

Die Themen waren sehr ansprechend und ich fühlte mich zum ersten Mal auf einer juwe-Freizeit geistig herausgefordert weiter über Dinge wie “einfaches Leben”, “Verzicht”, “Naturschutz”, “Frieden stiften” nachzudenken.

Großartige Gespräche ergaben sich beim Wandern, aber wir konnten auch in Stille die Schöpfung genießen, oder singend durch die Wälder streifen. Zusammen sangen wir “Viele kleine Leute” und dachten über den bedeutsamen Text nach.

Gegen Ende der Freizeit übernachteten wir nur noch auf Burgen, wo uns auffiel, dass Burgen ein Instrument der Gewalt und Unterdrückung waren – fern ab von der romantischen Perspektive Prinz Eisenherzes. Doch sie haben die Zeit nicht überdauert und Gottes Schöpfung erobert sie zurück und sprengt die Festen durch die langsame Kraft von Graswurzeln und der Sprengkraft von Eis.

Eine Nacht schlief ich in einem selbstgebauten “Laubschlafsack”, es fehlte aber Laub, weshalb ich den größten Teil der Nacht zitternd da lag und ungewollt die Schönheit einer Nacht im Wald erfuhr.

Am Samstag den achten schließlich beendeten wir das Überleben schrittweise auf zwei Burgen, zuletzt auf Burg Fleckenstein, wo wir ein üppiges Frühstück aßen, ich aß gefühlt soviel wie die ganze Woche.

Jetzt bin ich schon eine halbe Woche zu Hause und brauchte so lange diesen Artikel zu schreiben; ich hätte gerne länger überlebt.

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Tempus fugit

21. Juli 2009

Gerade eben habe ich Micky zum Flughafen gebracht, wo wir noch einige andere Leute von der Weltkonferenz getroffen haben.

Jetzt sitze ich zu Hause und merke, das ich selbst nur noch sechs Tage in Paraguay habe!

Es ist so viel passiert in der ganzen Zeit, dass mir manches viel weiter wegscheint, als es eigentlich ist – vor 29 Tagen war ich noch in der Schule!

Ich hoffe die verbleibende Woche noch nutzen zu können, um mich nochmal mit meinen Freunden treffen zu können – und nicht zu viel Zeit in Neu-Bammental zu verbringen. Jetzt ist Barbara da und morgen kommt noch Cornelia an; dass sind schon 4% der Bammentaler Mennogemeinde!

Categories: Argh!!!, Gott & die Welt, Paraguay.

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Eindrücke von der Weltkonferenz

21. Juli 2009

Die Weltkonferenz ist zu Ende und ich hatte weder Zeit, noch Lust, noch Möglichkeit euch aktuell auf dem Laufenden zu halten weswegen ich nun nur noch Geschichten erzählen will, die mich bewegt haben und einen guten Eindruck von der Vielfalt und Widersprüchlichkeit der 15. Versammlung der Mennonitischen Weltkonferenz (MWK) vermitteln:

Am Dienstag kam ich mittags beim Centro Familiar de Adoración an, mogelte mich mit meiner Teilnehmerkarte von Jugendgipfel durch die Menschenschlange an den „Dienern des Friedens“, Schüler, die freiwillig die ganze Konferenz hindurch schufteten, um uns einen schönen Kongress zu ermöglichen und teilweise keinen einzigen Gottesdienst mitbekamen.

Beim Anblick dieses riesigen zehntausend Leute fassenden Betonklotz war mein erster Gedanke: „Wie schön meine Gemeinde in Bammental doch ist; mit ihren vierzig Gliedern“ – andere dachten; „Was haben wir falsch gemacht, dass unsere Gemeinden nicht so groß sind?“

Das Gebäude sollte zwar schon lange fertig sein ist es aber nicht, weshalb wir Mennos sozusagen die Megachurch der Pfingstler eingeweiht haben. *strike!*

Von Anfang an legten die Veranstalter viel Wert auf Seuchenschutz: Es gab kostenlose Maulkörbe und wir wurden angehalten uns mit dem „japanischen Gruß“ (also eine Verbeugung, ohne Hände schütteln, oder ähnliche Freudenfeste für Bazillen und Viren) zu grüßen, was wir in gut mennonitsch-anarchistischer Manier ignorierten und unsere Geschwister herzlichst umarmten. Später erfuhren wir über mehrere Ecken, dass die Regierung den Kongress fast abgesagt hätte, weil sechstausend Mennos aus allen Ecken der Erde, die sich einen Dreck um Vorkehrungen sorgen für eine Woche auf einem Haufen sind und danach wieder in ihren Winkel der Erde ziehen, für Epidemologen ein Albtraum sind, aber die Organisatoren versprachen alles zu tun und wir Teilnehmer beteten und vertrauten auf den Herrn, der uns die Gemeinschaft so bestimmt nicht vermiesen wollen würde – worauf dann ja auch nichts passierte.

Die ersten drei Bibelarbeiten/Predigten wurden von Frauen gehalten, was einige Leute zum Verlassen der Konferenz anregte, oder zu der Furcht die Emanzen würden hier alles übernehmen; glücklicherweise gab es aber auch einige Lateinamerikaner, die das gar nicht störte – der große Sturm der Empörung blieb bis jetzt aus; es gibt Hoffnung.

Der Werkstätten (Workshops) waren derer so mannigfaltig, dass ich mir oft wünschte, der Herr möge die Sonne nicht untergehen lassen, auf dass ich mehr besuchen könnte.

Ricardo Esquivia

Am Mittwoch forderten mich Ricardo Esquivia, Gründer von Justa Paz in Kolumbien und danach die Church Communities International, vormals bekannt als Bruderhof, mit ihrer noch radikaleren Hingabe zu Gütergemeinschaft, als wir in der Hausgemeinschaft.

Nzuzi Mukawas Predigt am Mittwochabend, darüber, dass der Weg Jesu ein Weg ist, der Gerechtigkeit schafft, hat mich beeindruckt und zum Handeln animiert, weil sie so klar die Ungerechtigkeit in der Welt und in der mennonitischen Kirche aufgezeigt hat und sogar vor sexueller Gewalt, internationalen Schulden, und Sexismus nicht Halt gemacht hat, – andere hat sie aufgeregt, weil sie ein Rundumschlag gegen alles Ungerechte war und keine Hoffnung vermittelt hat.

Donnerstagmorgen führten uns die mennonitischen Ojibway und Cheyenne in ein Dankgebet für die Natur in Stein, Pflanzen, Bäumen und Tieren und für die verschiedenen „Menschenrassen“, mit ihren verschiedenen Begabungen.

Während der Morgenandacht war es plötzlich stockfinster – Stromausfall. Zunächst waren alle ganz still, dann fingen Leute an mit Blitzlich die Dunkelheit zu fotographieren und ich fürchtete epileptische Anfälle, oder Panik, aber dann kam das Musikteam auf die Bühne und wir sangen mit Klavierbegleitung, das man auch ohne Strom hören konnte und es war so schön, dass ich ein wenig traurig war als das Licht wieder anging und der Gottesdienst fortfuhr. Video hier.

Ricardo Esquivia interessierte mich derart, dass ich gleich nochmal zu einem seiner Vorträge ging und Unglaubliches über die Erfolge und Schwierigkeiten in einem Projekt mit Gangmitgliedern in Honduras erfuhr – was alles passieren kann, wenn man die „Bösen“ als Menschen wahrnimmt.

Die Predigt von Donnerstagabend hatte ich schon lange erwartet: Dietrich Pana, ein Indigena aus dem Chaco mit deutschklingendem Namen – die Indigenas haben einige Namen von den mennonitischen Einwanderern übernommen; „Pana“ ist die phonetische Schreibweise von „Penner“ (typischer Menno-Name) in plattdeutscher Aussprache – predigte über Apostelgeschichte 2, 46-47, dass die erste Gemeinde sich täglich im Tempel und in Häusern traf und täglich wuchs; ein Vers vorher kommt die Gütergemeinschaft vor.

Den Kopf voll der latent, oder offen rassistischen Aussagen, die ich von allen Seiten unter den Mennoniten übereinander hier gehört habe, und der himmelschreienden Ungleichheit zwischen Indianermennoniten, Mestizen-Mennoniten Mennisten (plattdeutsch für die deutschsprechenden Einwanderer in den Kolonien – ein tolles Wort mit langer Geschichte, die Papa bestimmt in einem Kommentar erklären will, das ich in Zukunft verwende) erwartete ich eine anklagende Predigt über die Ungerechtigkeit und Vernachlässigung ihrer Geschwister seitens der Mennisten.

Aber Bruder Pana ging nicht wie so viele andere Redner auf Konfrontationskurs, sondern betonte die Gemeinschaft unter den Gläubigen und erzählte wie in vor dem Gebäude ein Polizist gefragt habe, ob er (als Indigena) auch „menonita“ sei, was sich in Paraguay eigentlich nur auf die Mennisten bezieht, und er antwortete „mit der Kraft des Heiligen Geistes: JA, ICH BIN MENNONIT“ – ich schmunzelte und freute mich über dieses Symbol, Alfred Neufeld, der in meiner Nähe saß, lachte so laut los, dass einige Europäer ihn sehr verwundert ansahen und jeder Paraguayer hatte es kapiert: Mennonit sein hat nichts mit der Hautfarbe, oder der Sprache zu tun. Es ist der Glaube an Jesum Christum und der Wille sein Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen.

Die meisten anderen hatten es leider nicht verstanden und waren von der ansonsten etwas simplen Predigt enttäuscht.

Die weiteren Predigten waren auch gut, aber keine hatte mich so bewegt und ist mir so in Erinnerung geblieben, wie Dietrich Panas einfache Verkündigung, dass auch er Mennonit sei.

Am Samstagnachmittag war ich in meines Schwesters Workshop, den sie zusammen mit Barbara Kärcher hielt: „Arm und Reich in der Familie des Glaubens“ – aufgrund starker Nachfrage beim ersten Mal (hundert Leute, in einem winzigen Raum und Leute, die weggeschickt werden mussten) wiederholt. Was sie sagten war sehr gut, nur war meine Kleingruppe sehr frustrierend, weil die Reichen nicht zu den Armen durchdrangen und umgekehrt. Wenigstens war ich nicht in Leonis (meine Gastmutter) Gruppe, wo eine Frau aus dem Chaco behauptete Arme seien nur zu faul zum Arbeiten, und vor sonstigen Vorurteilen nur so strotzte. Wie Leoni die Ruhe bewahrte so gelassen ihr Weltbild zu sprengen, weiß ich nicht – wahrscheinlich, weil Leute aus Costa Azul (unserer Gemeinde hier) da waren.

Der Samstagabendgottesdienst war der eigentliche Abschlussgottesdienst, mit einer sehr guten Predigt von Danisa Ndlovu, dem neuen Präsident der MWK und einem bewegenden Abendmahl, bei dem wir uns als ein Leib fühlten, gebrochen für die Welt.

Und als Lied danach „Wir werden auferstehen“!

Die Lieder waren sowieso genial; manchmal vielleicht schlecht zum Zusammenhang (nach der niederschmetternden Predigt aus dem Kongo, ein fröhliches Lied – nur, weil es auch dort her kommt) aber vom Text her genial, wie „Die Engel wurden nicht geschickt die Welt zu ändern, das ist Aufgabe der Menschen“ und die Musikgruppe stimmte sich durch die Instrumentenwahl und die Art des Singens unglaublich gut auf die Kultur, aus der das Lied kam ein.

Der offizielle Anschlussgottesdienst hat mich eher enttäuscht, auch wenn ich verstand warum man es so gemacht hat, wie es dann war:

Die paraguayischen Gemeinden hatten diesen Gottesdienst organisiert, weshalb sie ihre Lieder sangen und nicht die Weltkonferenzlieder, die mir so gefallen hatten. Deshalb waren es auch andere Moderatoren, die mir zu viel Show machten.

Die „Geste des Friedens“ zwischen einem Mennisten, dessen Bruder beim Missionsversuch vor mehr als fünfzig Jahren (?) von einer kriegerischen Indigenagruppe ermordet wurde, und einem Indigena aus dieser Gruppe fand ich sehr gestellt und empörend: zum einen, weil der Moderator zweimal (!) den Indigena als „Indio“ bezeichnet hat – was ungefähr mit einem Farbigen in den USA „nigger“ zu nennen. Zum anderen sagte der Indigena die ganze Zeremonie kein Wort und er übergab dem Mennisten einen Speer, was für mich ein Symbol der Machtübergabe war – hätten sie den Speer doch zerbrochen, oder eine Sichel d‘raus gemacht!

Alfreds Predigt war ziemlich gut, nur hätte sie nicht von Liedern unterbrochen werden müssen, deren Texte zwar schön waren, was den nicht Spanischverstehenden aber nichts brachte.

Ein klein wenig stolz bin ich auch berichten zu dürfen, dass ich mir nur ein einziges Mal Übersetzung holte – bei Dietrich Panas Predigt -, diese aber gar nicht benutzte, weil der Empfang so schlecht war.

Die Weltkonferenz war auf jeden Fall ein einschneidendes Erlebnis für mich, denn ich habe viele junge und alte Geschwister kennengelernt, die Jesus nachfolgen, wohin er sie führt und mit denen ich in Kontakt zu bleiben hoffe. Ich habe viele Denkanstöße und Ermutigungen bekommen, die mein Gehirn immer noch nicht zur Ruhe kommen lassen und mich hoffentlich noch lange beschäftigen.

Natürlich war es auch ein Ort die erweiterte Familie zu treffen, sowohl biologisch, als auch hausgemeinschaftlich:

ein Teil der Hausgemeinschaftsfamilie: Wiensens, Elizabeth(!), Micky und ich

Leider müssen wir noch mindestens sechs Jahre auf die nächste Konferenz warten – ich hoffe dich dort zu sehen!

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GYS vorbei

14. Juli 2009

Der zweite Weltjugendgipfel der Mennos war ein super Wochenende!

Ich habe super Leute kennen gelernt und es war ein toller Anfang für die Weltkonferenz, die heute beginnen wird.

Ein paar Bilder kann man hier finden, es waren laut ein paar Leuten, mit denen ich sprach 700 Teilnehmer!

Das Motto “Dienen: Lebe den Unterschied!” hatte mich sehr gereizt, aber er kam in den kleinen Gesprächen besser raus als im offiziellen Programm, wobei die Delegierten in ihrem Programm vielleicht mehr darüber machten.

Morgens und abends leitete jeweils ein Kontinent den Gottesdienst. Am eindrücklichsten war für mich der nordamerikanische Gottesdienst, in dem die Delegierten aus Kanada  und USA für die Politik ihrer Länder und die teils arrogante Art wie ihre Kirche bis jetzt aufgefasst hat für Vergebung bat.

Mein Mund brauchte eine ganze Weile bis er sich wieder schließen konnte. So viel Einsicht hätte ich nicht von ihnen erwartet und ich vergab ihnen von ganzem Herzen – auch wenn ich weniger Anlaß dazu hatte als die südlichen Kontinente… Da aber niemand öffentlich reagierte ging Micky dann auf die Bühne und sagte, wie sehr es sie bewegt hatte und vergab ihnen – in kleineren Gespärchen ist glaube ich noch viel passiert.

Ich traf viele junge Menschen, die eine andere Hautfarbe, Kultur und Sprache haben als ich und dennoch meine Überzeugungen teilten, die Jesu Joch auf sich nehmen und ihm folgen wollen, woher er geht. Und ich traf leider auch einige, die meine Hautfarbe hatten, in meiner (oder einer ähnlichen) Kultur lebten und meine Sprache sprachen, für die es nur eine Gelegenheit war ein paar ihrer Freunde zu treffen, die wie sie waren.

Dank meiner Sprachkenntnisse konnte ich oft im interkulturellen Dialog helfen und spanisch-deutsch, oder spanisch-englisch (selten auch englisch-deutsch) dolmetschen

Ich traf viele bekannte Gesichter, aber ich fand nicht die Zeit mich mit ihnen zu unterhalten, weil ich immer irgendjemand traf, den ich nicht kannte und der eine interessante Geschichte hatte.

Am letzten Tag wurden uns die Ergebnisse der Delegierten vorgestellt, woraus sich noch eine interessante Diskussion über Frieden und Military Counseling Network ergab – es scheint das MCN in den USA noch ein wenig unbekannt ist… Daran nahmen aber wenige Teilnehmer teil, weil es zeitgleich mit dem Essen war, wie unterschiedlich doch manche Prioritäten sind.

Als der GYS schließlich war, kamen Freiwillige von einer anderen Organisation, um die Bühne anzubauen, außer mir wollte niemand ihnen helfen und die Theorie des Gipfels in die Praxis verwandeln.

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José de San Martin und sein Patron

29. Juni 2009

In Argentinien findet man in jeder Stadt Denkmal fuer den Unabhaengigkeitskaempfer (oder aus spanischer Perspektive Terrorist) José de San Martin, oder zumindest eine nach ihm benannte Strasse.

Seinen Namenspatron kennt aber niemand: Sankt Martin, roemischer Offizier und dann Kriegsdienstverweigerer, weil er nicht “miles Caesaris” – “Soldat des Kaisers”, sondern “miles Christi” – “Soldat Christi” sein wollte; derselbe, der den Mantel mit dem Obdachlosen teilte und mit dem Kreuz bewaffnet den Germanen entgegenzog, derselbe, dessen wir alljaehrlich mit dem Martinsumzug und den leckeren Martinsmaennchen gedenken, – ihn kennt hier niemand.

Und ihn Deutschland kennen die wenigsten mehr als die Mantelteilungsgeschichte – wenn sie nicht nur kamen, um Laternen zu tragen, Lieder zu singen und Hefemaennchen zu essen.

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22. Juni 2009

christlicher Busfahrer Eine Stellenanzeige für Busfahrer – natürlich im Bus. Voraussetzungen: 25-35Jahre alt sein, Führerschein, Geburtsurkunde, etc besitzen, Fahrerfahrung und ein guter Christ sein.

So viel zu Religionsfreiheit im Berufsleben.

Auf der anderen Seite sind hier alle “Christen”: Sie leben zwar nicht danach, aber sie sind “Christen”, von daher hat nur der ehrliche Atheist, Muslim, Buddhist, Jude, oder was man auch sonst sein mag ein Problem.

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Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben Mt 25:35

20. Juni 2009

CPT Reservisten haben zusammen mit Aktivisten von “No more deads, no mas muertos” an der Grenze zwischen Mexiko und USA für Einwanderer Wasserbehälter aufgestellt – und wurden jetzt wegen “bewusstem Müll hinterlassens” angeklagt.

Unglaublich, wie das Gesetz von den Mächtigen verdreht wird.

Und das wahre Nachfolge Jesu auch in “freien”, “demokratischen” und “christlichen” Nationen wie den USA immer noch verfolgt wird.

Hier findet sich der Bericht auf der Webseite von CPT, die sich nun auch in meiner Linkleiste befindet.

CPT steht für Christian Peacemaker Teams und ist eine Nichtregierungsorganisation, die durch eine Rede von Ron Sider vor 25 Jahren auf der Mennonitischen Weltkonferenz in Straßbourg ausgelöst wurde. In dieser stellte Ron die Frage: “Was würde geschehen, wenn Christen sich mit derselben Disziplin und Aufopferung für gewaltloses Friedensstiften hingeben würden, wie Armeen sich dem Töten hingeben?”

Sie machen es sich zur Aufgabe sich zwischen Unterdrücker und Unterdrückten zu stellen – “Getting in the way”.

Heutzutage sendet CPT ständige Aktivisten nach USA, Kolumbien, Irak und Palästina und hat zeitweise Einsätze in anderen Gefahrenzonen, wie der Demokratischen Republik Kongo.

Ein guter Freund von mir macht diesen Sommer einen CPT-Einsatz in Palästina – ich bin gespannt was er berichten wird, vor allem, weil ich selbst überlege mal bei CPT einzusteigen.

Jetzt werden mich meine Eltern nie mehr aus dem Haus lassen, wenn ich erst wieder zu Hause bin. :D

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Bääh

15. Juni 2009

Manchmal zweifle ich an der Vollkommenheit der Schöpfung.

Mein Blasenfuß

So zum Beispiel heute als ich herausfand, was die ekligen Blasen an meinen Füßen wirklich waren: Brutplätze für Tunga penetrans – gemeinhin auch Sandflöhe genannt. Das Weibchen legt seine Eier in die Haut, wo sie dann vom Männchen befruchtet werden – also bin ich Stundenhotel und Krippe in einem.

Anscheinend habe ich die mir zugezogen, als ich einem alten Mann aus der Nachbarschaft Essen gebracht habe.

Robert hatte die große Freude sie mir aus dem Fuß zu pulen, während ich jammerte und versuchte an angenehmere Dinge zu denken – wie zum Beispiel nicht mit einer Pinzette im Fuß herumgestochert zu kriegen, während Joel, Martin und Ana mich fragen, ob es weh tut.

JA, das hat es.

Es bleibt abzuwarten, ob alles rauskam, oder ich weiterhin Flohkindergarten bin.

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Theokratie

15. Juni 2009

Am Samstag war ich mit einem Freund aus der Gemeinde in Teocracia einer Metalgemeinde in Asunción.

Ein kleiner schwarz angestrichener Raum ist ihr Gottesdienstraum, vorne ein Bild: ein Krieger lässt seine Axt fallen und kniet vor zwei Händen, die einen siebenarmigen Leuchter halten, es fließt Blut herunter – man gab mir die Erklärung, es sei die Bekehrung. Aha.

Die Mehrheit der Besucher hat zumindest schulterlanges Haar und schwarze Kleidung. Um nicht aufzufallen, war ich mit meinem KORN-T-Shirt gekommen, weshalb mich ein schwarz gekleideter ansprach und mit mir über Jesus sprach, wie der sein Leben verändert hatte: Vorher war er auch KORN-Fan gewesen, aber jetzt sei er Fan von Jesus.

Er war ziemlich erstaunt als ich sagte, dass sei ich auch.

Dann fing der Gottesdienst an; sie sangen diesselben Lieder wie alle anderen, nur rockiger. Nach dem Gottesdienst war ein Konzert mit verschiedenen Gruppen aus Asunción; vierzig Leute waren da und es war laut. :P
Auch wenn Theokratie von der Welt oft als Herrschaft des Klerus verstanden wird und Iran als Beispiel genannt wird, gefiel mir Teocracia – und die echte Theokratie als Anarchie der Menschen und Herrschaft Gottes.

Hier ihre Webseite.

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Seit wann sind grüne Affen gute Nachrichten?!

27. Mai 2009

noch dazu, wenn diese die Genverstümmelung die ihnen angetan wurde auch noch weitervererben?!

Die Zeit berichtet halbwegs neutral über die Veröffentlichung einer Arbeit japanischer Forscher, die erstmals Affengene so manipuliert haben, dass diese die Veränderung (in diesem Falle, dass sie unter UV-Belichtung grün leuchten), die ihnen angetan wurde, an ihre Nachkommen weiterverben!

Das “könnte die Erforschung von Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer revolutionieren”. Na toll! (Danke an die Zeit, für das “könnte”)

Wer könnte schon etwas dagegen haben, das Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer weiter erforscht werden und man vielleicht eine Heilung findet?!

Aber, dass es möglicherweise falsch ist eine unvorhersehbare Manipulation des Erbgutes jetzt auch noch für die Zukunft weiterzuverben, darüber haben die Forscher wohl nicht allzu viele Gedanken verschwendet!

Die ganze Gentechnikdiskussion kann auf keine Langzeitversuche verweisen, also können wir die Chancen eines solchen Versuches gar nicht absehen. Dasselbe gilt für Genmais auf Felder zu pflanzen.

Mal ganz abgesehen von dem christlichen Standpunkt einer guten Schöpfung des Schöpfers, die der Mensch als Geschöpf nicht verbessern kann.

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Sintflut stoppt paramilitärische Übungen

14. Mai 2009

Nachdem ich mich gestern schon mit dem Gedanken angefreundet hatte, heute auf der Hauptstraße Limpios zu Ehren der Unabhängigkeit Paraguays zu marschieren, die zwar ohne Blutvergießen erfolgte, aber durch eine militärische Drohung durchgesetzt wurde, setzte der starke Regen dem geplanten Marsch doch einen Riegel vor und der Tag wurde stattdessen zu einem Segen für die Erde und die Leute, die jetzt nicht mehr so unter der Hitze leiden…

In wenigen Minuten werden wir in den Chaco aufbrechen, wo wir bei der Marcación (Brandmarkung) der Rinder auf der Estancia von Roberts Eltern helfen werden… Für mich als Vegetarier auf kultureller Auszeit eine Probe, wie sehr mein Wille zu kultureller Anpassung mich tragen wird…

Ach ja, jetzt regnet es gar nicht mehr, falls ihr euch Sorgen macht, dass wir untergehen würden :P

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Große Wasser -Teil II

13. Mai 2009

Ich war zwar mit der Gesamtsituation unzufrieden, aber aufgeben wollte ich noch nicht. Wir sollten zumindest VERSUCHEN ohne Ausweis über die Grenze zu kommen – immerhin sind wir hier in Südamerika und ich glaube ja eh nicht an Staaten und Landesgrenzen.

Da wir aber schon gefühlte Siebenmeilen ohne die dazugehörigen Stiefel gelaufen waren, schlug ich vor ein Taxi bis zur Jugendherberge in Foz de Iguazu zu nehmen. Was sich als der größte Fehler der ganzen Reise erwies…

Zunächst einmal schlug der Taxifahrer vor zuerst zum binationalen Wasserkraftwerk Itaipu zu fahren. Das stand zwar auf unserer Liste, aber eigentlich wollte ich nur bis zur Jugendherberge und dann mit Bussen weiter fahren. Ehe ich mich versah waren wir in Itaipu, das heute bestreikt wurde – als ob der Taxifahrer das nicht gewusst hatte! JETZT fahren wir aber zur Jugendherberge dachte (und sagte ich), aber nachdem wir die Grenze passiert hatten, wobei ich meinen Ausreisestempel erhielt und Carlos unbehelligt blieb, weil er gerade meinen Paß anschaute als der Grenzbeamte vorbeilief, spukte mir der Automat nach einiger Überzeugungsarbeit 400 Reales aus und wir fuhren in Richtung der brasilianischen Wasserfälle – mal wieder konnte ich mich nicht gegen den Sirenengesang des zweiäugigen Fahrers wehren, hätte ich doch meine Oropax benutzt!

Dort angekommen gingen wir zuerst in den Vogelpark, der direkt neben dem Wasserfallpark liegt. Die Eintrittspreise hauten mich ein bisschen aus den Socken, aber es ist ja schließlich ein beliebtes Touristengebiet… Der Taxifahrer begleitete uns, da er in Begleitung zahlender Gäste kostenlos reinkam. Weil er alles schon kannte lief er ziemlich wovon wir uns leider beeinflussen liefen und uns nicht die Zeit nahmen alles in Ruhe anzusehen. Viel zu schnell waren wir im Touriladen des Parkes angelangt, wo ich in weiser Voraussicht Postkarten kaufte. Nach meiner Schätzung waren wir nach höchstens einer Stunde schon wieder aus dem Park draußen! 20€ in einer halben Stunde ausgegeben, na super.

Als nächstes ging es zur eigentlichen Hauptattraktion: der brasilianischen Seite der Wasserfälle. Wir mussten erstaunlich kurz anstehen und ich musste für Carlos den europäischen Eintrittspreis bezahlen, weil er ja keinen Ausweis hatte, um zu beweisen, dass er Paraguayer war! Wieder begleitete uns der selbsternannte Führer.

Mit einem Bus fuhren wir bis zum Anfang des Wanderweges, wobei Carlos und Polyphem (ähmm der Taxifahrer ) wieder sehr vorauseilten… Ich versuchte mir so viel Zeit zu nehmen wie ich wollte und blieb auch länger stehen um die Wasserfälle, die Pflanzen, die Nasenbären und alles andere zu beobachten, aber irgendwie war ich doch auch schneller als ich wollte.

Schließlich standen wir vor der Teufelsrachen, zum Glück standen wir auf einer Plattform und wurden nicht wie die Leute in den Schlauchbooten von Skylla und Charibdis fast verschlungen…

Es war unbeschreiblich. Obwohl wegen der enormen Trockenheit viel weniger Wasser floß, rauschte es vor unseren Augen mit atemberaubender Geschwindigkeit zur Erde, um Platz für neues Wasser zu machen. Und es kam immer neues Wasser! Die Schöpfung hat mich glaube ich noch nie so sehr dazu gebracht dem Schöpfer zu danken.

Ich versuchte die ganzen nervigen, fotoschießenden Touristen zu vergessen und schoß so viele Fotos wie ich konnte, dann war meine Speicherkarte für die Kamera voll und ich genoß den Anblick ohne ihn weiter digital festzuhalten. Nach einer LANGEN Zeit, war ich bereit mit den anderen weiterzugehen. Erstmal zu einem Stand, wo ich wieder viel blechen musste, um die Photos auf eine CD brennen zu lassen. Dann mit einem Aufzug auf die Höhe der Wasserfälle, wo wir noch ein bisschen standen und dann weiterliefen.

Zu meinem Erstaunen war der Weg damit zu Ende und es standen schon wieder die Shuttlebusse bereit uns zum Eingang zu fahren. In einem Akt der Verzweiflung schlug ich vor den ganzen Weg zurückzulaufen, aber meine Gefährten hatten dafür kein Verständnis und irgendetwas hielt mich davon ab, einfach alleine zu gehen.

So waren wir gegen drei Uhr nachmittags schon mit allen Aktivitäten fertig und ENDLICH fuhr uns der Taxifahrer zur Jugendherberge, wo wir feststellten, dass alles voll war, weil wir nicht morgens gekommen waren – in meiner Naivität hatte ich natürlich nicht vorbestellt – was eigentlich ja auch nicht nötig gewesen wäre, wenn alles nach Plan geklappt hätte!!

Der Verwalter meinte noch draußen vor der Stadt wäre auch eine Jugendherberge (an der wir schon vorbeigefahren waren) und die hätten wahrscheinlich noch Plätze frei, aber ich war einfach zu gefrustet und wusste außerdem auch nicht, was wir denn am nächsten Tag noch machen sollten. Die argentinische Seite war Carlos versperrt und ich wollte nicht alleine dort hingehen, es war nicht klar, ob die Arbeiter in Itaipu morgen nicht auch noch streiken würden – und wenn wir außerhalb wären, wäre es auch fraglich, ob wir ohne den mir mittlerweile schon fast verhassten Taxifahrer irgendwohin kämen.

Also teilte ich Carlos meine Gedanken so gut es ging mit und er stimmte mir zu, weswegen wir den Taxifahrer in Reales bezahlten. Dabei benutzten wir eine falsche Umrechnungszahl UND ich gab ihm Trinkgeld, das er eigentlich ÜBERHAUPT NICHT verdient hatte, weshalb er ungefähr 10€ mehr kriegte, als wir ausmachten. Ich bat ihn, uns in ein Restaurant zu fahren damit wir ENDLICH was essen könnten. Dazu lud ich ihn dann auch noch ein! Es war ein Buffetrestaurant und schmeckte unglaublich gut -vielleicht auch größtenteils, weil ich so hungrig war…

Nach dem Essen hatten wir noch 21 Reales und ich hatte die fixe Idee nur das 1 Real Stück, das einer Euromünze sehr ähnlich ist mitzunehmen, weswegen wir von einem argentinischen Straßenhändler mit dem wir uns noch unterhielten drei Ringe und zwei Armbänder für 10 Reales kauften. Der Typ war ziemlich lustig drauf… halt so ein typischer Austeiger und Vagabunde :D hatte einen kleinen Dread, die anderen hatte er vor Kurzem abgeschnitten…

Wir fuhren über die Grenze und zuerst wunderten sich die brasilianischen Grenzbeamten, dass ich am selben Tag wieder ausreisen wollte, aber sie machten keine Probleme… auf der paraguayischen Seite jedoch sagten sie: “Ja, wissen Sie, dass geht eigentlich nicht… Sie müssen 72(!) Stunden im Ausland gewesen sein, damit sie ihren Einreisestempel (was mein neues Visum für 90 Tage ist) kriegen… Oder sie müssen eine Gebühr zahlen, schauen Sie mal auf der Liste da…” Ich erklärte ihnen, dass ich eigentlich gaplant hatte, dass ganze Wochenende in Brasilien zu sein, aber mein Hotel sei voll und ich könne mir kein anderes leisten, was immerhin die halbe Wahrheit war  – ich konnte ja nicht sagen: “Ja, mein Freund Carlos da draußen hat keinen Ausweis, weswegen wir nicht nach Argentinien kommen”. Aber die Grenzbeamten hatten kein Erbarmen mit mir und ich machte mich bereit die 220.000 Guaranis (ca.35€) zu zahlen, aber der Beamte kam zu mir und sagte mit leiser Stimme: “Hast du gesehen, wie viel es da auf der Liste kostet?” Als ich bejahte, sagte er es koste 200.000 Guaranis ( ca 32€) – was ‘ne Ersparnis, aber da ich zu blöd war zu feilschen, bezahlte ich ihm das Geld, das er höchstwahrscheinlich ganz in seine Tasche steckte, sonst hätte ich ja keinen Rabatt gekriegt…

Endlich waren wir am Busbahnhof, gaben dem unverschämten Taxifahrer noch unsere letzten 10 Reales und 20.000 Guaranis (insgesamt 6,60€) und rannten, weil wir sofort einen Bus nehmen konnten.

Im Bus konnte ich weder schlafen, noch Tagebuch, noch Postkarten schreiben, weil es zu laut, wackelig und dunkel war…

Um zehn Uhr nachts kamen wir an – Wiensens konnten uns nicht abholen, weil sie in der Gemeinde ein Programm machten, also stellten wir uns an die Straße, wo nach Aussage eines Straßenverkäufers die 44 vorbeikommen sollte. An besagter Ecke stand auch ein Bus dieser Linie, nur ohne Fahrer. Außerdem standen dort einige Taxis mit zugehörigen Fahrern, die sich natürlich erboten uns nach Hause zu fahren – aber ich hatte eine derartige Aversion gegen diesen Berufsstand entwickelt, dass ich jetzt nicht mit ihnen fahren wollte.

So warteten wir. Eine halbe Stunde verging und es erschien weder der Fahrer des Busses, noch fuhr ein anderer Bus, der im entferntesten in unsere Richtung ging, vorbei – während der ganzen Zeit kam nur ein einziger Bus, der auch noch zum anderen Ende Asuncións fuhr, vorbei.

Ich war so verzweifelt, müde, genervt, wütend und sogar ein bisschen ängstlich, wenn ich an all die Ratschläge NIE bei Dunkelheit Bus zu fahren dachte, dass ich begann mit dem Taxifahrer zu verhandeln. Wir hatten uns gerade auf 90.000 (13€) geeinigt und ich hatte das Geld schon in der Hand, als der 44er, der immer noch da stand den Motor startete. Wie der Blitz stiegen wir ein und kamen unbescholten nach Hause; ich musste die ganze Busfahrt daran denken, dass wir jetzt doch noch ein Wunder erlebt hatten…

Abgesehen vom Wunder der Wasserfälle natürlich…

Jetzt ist das ganze fast zwei Wochen her und meine Auffassung davon hat sich bei jedem Bericht verändert, von Wut über den Taxifahrer und das alles andere auch schief gegangen ist, über Freude wenigstens die Wasserfälle gesehen zu haben, bis schließlich zur typischen Bloggeransicht, dass es eine tolle Anekdote ist und deshalb gut.

Mal sehen, vielleicht komme ich ja nochmal dahin, vielleicht alleine, oder mit jemandem, der sich ähnlich viel Zeit dafür nehmen will… bis dahin habe ich die Fotos und die Bilder in meinem Kopf.

 

Categories: Anekdoten, Gott & die Welt, Paraguay.

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