Mennos in zwei Sätzen

Wenn ich mir den Namen hätte aussuchen können, hießen wir Willemsiten

Ich lese gerade den aktuellen Rundbrief des Juwe, des Jugendwerks der Süddeutschen MennonitInnen und stoße auf eine herausfordernde Frage von der Kinderreferentin Gerda Landes:

Wie würdest du einem Schulkind in 1-2 Sätzen erklären,
wer wir Mennos sind? Was können wir unseren
Kindern mit auf den Weg geben, wenn sie in
der Schule gefragt werden: „Menno… was?“

Mennos erklären!
Und dann auch nur in einem bis zwei Sätzen!
Und für Schulkinder!

Wie kann man denn Mennos, bei denen jede Gemeinde vollständige Lehrautonomie hat und keine Leitung, wie z.B. Bischöfe anerkennt, und keine Bekenntnisse, definieren?!
Wo doch noch nicht mal dass mit den keinen Bischöfen stimmt, weil manche dann doch welche haben!

Geschichte, der wir uns verpflichtet fühlen, bindet uns zusammen (mit allen guten und schlechten Folgen), genauso wie die daraus abgeleiteten Prinzipien von hermeneutischer Gemeinschaft, Feindesliebe und Glaubenstaufe (um mal drei herauszunehmen).
Aber was, die dann bedeuten ist ja wieder umstritten.
Und auch der Streit bindet uns zusammen.

Die, mit denen man noch streitet, sind einem nicht egal.

Aber das sind mehr als zwei Sätze und auch nicht unbedingt kindgerecht.

Es liegt wohl auch an meinem „Sitz im Leben“:
Ich werde dauernd gefragt, was Mennos sind – von Theologiestudierenden, von denen man eigentlich mehr erwarten könnte. Denen gegenüber verweigere ich eine so kurze Antwort, aber für Schulkindern ist mein üblicher Vortrag wohl ein bisschen zu viel.

Wenn ich versuche, es zu mich so kurz zu fassen, gibt es zwei Versuchungen:

  • Auszuweichen und zu sagen, dass eigentlich alle Christen doch das Gleiche glauben.
    (was ja auch stimmt, nur muss man dann erklären, warum wir trotzdem Mennos sind und nicht einfach Christen.
  • Oder man wird polemisch und sagt etwas, dass man in Anwesenheit von Geschwistern aus anderen Konfessionen nicht sagen würde
    (Und manchmal geht es mir auch so, dass ich Mennonit bin, weil ich nicht zu einer der großen Kirchen gehöre und die anderen Freikirchen auch nicht leiden kann
    – besonders am Reformationstag)..

Diesen Versuchungen will ich ausweichen und in ökumenischer Verbundenheit und doch auf die Unterschiede eingehend in kindgerecht erklären, was für mich mennonitisch Sein ausmacht.

Also ich versuch’s. Zwei Sätze:

Mennos sind Menschen, die zusammen mit anderen versuchen, wie Jesus Menschen zu lieben, weil Gott sie zuerst geliebt hat.
Sie heißen Mennos nach Menno Simons, der vor etwas weniger als 500 Jahren mit vielen anderen gesagt hat, dass Jesus Menschen lieben auch ohne Gewalt geht und man sich freiwillig dafür entscheiden darf und nicht als Baby getauft werden soll.

Zwei lange Sätze mit zu vielen Nebensätzen.

Aber es sind zwei Sätze.

Der dritte Satz wäre:
Andere haben sie so genannt und irgendwann haben sie es dann angenommen – wie ein Schimpfname, der zum Spitznamen wird, weil du dich nicht entwürdigen lässt.

Wenn mehr Interesse besteht, würde ich den Kindern Geschichten von Menno und anderen Täuferinnen und Täufern erzählen.
Zum Beispiel aus Cornelia Lehnes tollem Buch „Friede sei mit euch!“

Sündigt aber dein Bruder an dir…

Bei den Vereinten Nationen hat Obama heute seinen Kommentar zum palästinensischen zur Aufnahme in die Reihe der Staaten abgeben: Die Palästinenser sollen weiter direkt mit Israel verhandeln und nicht die internationale Bühne benutzen.

Das erinnert mich an den Besuch bei Sabeel, einem palästinensischen Zentrum für ökumenische Befreiungstheologie, während der CPT-Inforeise. Nach einem Vortrag nahmen wir dort an einer Abendmahlsfeier statt. Die arabische Liturgie, die wir auf englisch mitlesen konnten, war lebendig und feierlich.Statt einer klassischen Predigt führte der Pastor kurz in den Text ein und eröffnete dann das Gespräch über den Text an dem alle Anwesenden Teil haben konnten.

Die Lesung war: Matthäus 18,15-19

15 Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. 16 Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf daß alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund.17 Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn als einen Zöllner oder Heiden.18 Wahrlich ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.
   19 Weiter sage ich euch: wo zwei unter euch eins werden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

Ein Teilnehmer stellte eine interessante Gemeinsamkeit mit der Besatzung fest: Zunächst haben die Palästinenser direkte Verhandlungen probiert, dann haben sie mit den USA einen Vermittler gehabt, und diese beiden Methoden haben immer noch keine Verbesserung gebracht (sondern nur mehr Siedlungen, die Apartheidsmauer und weitere Zerstückelung des Gebiet eines eventuellen palästinensischen Staates).

Jetzt bringen sie den Fall vor die UNO.

Doch was passiert wenn die „Gemeinde“ den Fall nicht lösen will kann? Sollen die PalästinenserInnen Israel dann wie einen „Zöllner oder Heiden“ behandeln?

Und was heißt das? Ein Generalstreik unter den in Israel und den Siedlungen arbeitenden Palästinensern? Boykott, Divestment und Sanktionen (BDS)?

Hier kommt man nicht umhin zu bemerken, wie Theologie und Politik ineinander übergehen. Ich bin gespannt zu beobachten, was hier passiert, auch wenn ich das Gefühl habe, hier auf dem Weinberg kriegt man nicht wirklich viel mit.

Sabeel werde ich noch öfter besuchen.

Ungewissheit

Die Inforeise der Christlichen Friedensstifterteams, an der ich die letzten zwei Wochen teilgenommen habe ist nun vorbei und ich habe heute ich wieder mit der Arbeit angefangen.

Eigentlich wurde ich erst morgen erwartet, aber da die Reise zu Ende ist habe ich mich entschieden jetzt schon zurück zu kommen, weil ich keine Lust hatte mein Hostel selbst bezahlen zu müssen und ich endlich anfangen wollte auf dem Weinberg zu arbeiten.

Ein weiterer Grund aber ist, dass niemand sicher weiß, ob ich morgen noch in das Westjordanland hinein gekommen wäre.

Heute hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen begonnen und eines der Hauptthemen, neben vielen anderen spannenden Themen, ist der Antrag der palästinensischen Autonomieverwaltung auf die Aufnahme als volles Mitglied, was der internationalen Anerkennung als Staat entspricht.

Während der größte Teil der Welt Palästina bereits anerkannt hat, sind Israel, die USA und die EU, sowie die einige der von Ihnen abhängigen Staaten dagegen.

Die Abstimmung findet wahrscheinlich am Freitag statt, aber ob sie Erfolg hat, und was ein eventueller (Miss)Erfolg für Folgen hat, ist ungewiss.

Auf der Reise kamen fast alle unsere Gesprächspartner auf die Abstimmung zu sprechen. Die meisten pessimistisch, wenige optimistisch. Es kursieren allerlei Gerüchte, Israel werde das Westjordanland annexieren, bewaffnete Siedler planten Märsche auf palästinensische Städte, zahlreiche palästinensische Anschläge wären geplant. All dies gibt wenig Anlass zur Hoffnung.

Ich selbst, weiß auch nicht, was ich hoffen soll:

Dass die Abstimmung Erfolg hat, und wir hier Angriffe von mit Maschinengewehren bewaffneten Siedlern fürchten müssen, die Angst haben, dass sie „ihr“ Land verlassen müssen?

Oder ein komplett abgeriegeltes Westjordanland, sowie Gaza?

Eine dritte Intifada? Mit Steine werfenden palästinensischen Kindern und scharf schießenden israelischen Soldaten? Selbstmordattentaten und Vergeltungsbombardements?

Oder soll ich beten, dass alles ruhig bleibt?

Nein, ich will, dass die Besatzung endlich aufhört und die beiden Völker ernsthaft am Frieden arbeiten können.

Auf meiner Reise habe ich viele PalästinenserInnen getroffen, die entschieden sind, ihre Freiheit und Würde zu erkämpfen. Durch gewaltfreien Widerstand und in der Überzeugung, dass die Geschichte ihnen recht geben wird.

Ich bete, dass die Abstimmung bei der UNO, egal was ihr Ergebnis sein wird, die PalästinenserInnen nicht entmutigt, sondern darin bestärkt ihre Rechte einzufordern. Ich bete, dass die Israelis einsehen, dass die Besatzung Unrecht ist und sie mit ihren Nachbarn in Frieden und Gerechtigkeit leben können.

Während ich dies bete, bleibt die Ungewissheit.

Nachtrag: Wer den Antrag der Palästinensischen Autonomiebehörde unterstützen will, unterschreibe hier.

„Ich habe geplant, ein Abenteuer zu erleben“

Das einzige, was mir vor meinem Flug nach Tel Aviv Angst gemacht hat, waren nicht Selbstmordanschläge oder gewaltbereite Siedler. Das waren für mich Dinge, die zwar passieren könnten, aber doch mit sehr niedriger Wahrscheinlichkeit. Aus demselben Grund hatte ich auch keine Angst vor einem Flugzeugabsturz. Nein, ich hatte Angst vor etwas, dass auf jeden Fall auf mich zu kam: Vor den Fragen bei der Einreise und der Möglichkeit nicht ins Land gelassen zu werden.

Dafür hatte ich mir die Haare geschnitten, mich frisch rasiert, ein schickes Hemd angezogen und meinen Laptop samt Facebookprofil von im entferntesten israelkritischen Details bereinigt.

Vielleicht war alles nur Panikmache, aber eine meiner Mitfreiwilligen war schon einige Stunden am Flughafen festgehalten worden und ich hatte einiges Verräterisches im Gepäck: Arabischsprachkurse, Karten des Westjordanlandes, alles Dinge, die die Geschichte vom harmlosen Pilger, die ich mir zurecht gelegt hatte anzweifelbar machten.

Außerdem merkte ich immer mehr, dass ich ein Problem damit hatte, den Grenzbeamten ins Gesicht zu lügen. Sollte nicht mein ja ein ja sein und mein nein ein nein?

Mit all diesen Gedanken im Kopf verabschiedete ich mich von meinen Eltern am Frankfurter Flughafen und checkte ein. Die Sondersicherheitsuntersuchung in einem abgelegenen Gate überstand ich schon mal, aber da wurde auch nur das Handgepäck auf Sprengstoff untersucht, den ich nun wirklich nicht dabei hatte.

Im Flugzeug saß ich neben einem nach Deutschland emigrierten Israeli, mit dem ich mich mit Gott und die Welt unterhielt, aber den Palästinakonflikt erfolgreich umschiffte. Ihm erzählte ich als erstes die Halbwahrheit von meiner Pilgerreise; ich werde mir die meisten heiligen Stätten anschauen, aber das ist nicht der Grund, warum ich da bin.

Nach ungefähr vier Stunden landeten wir in Tel Aviv und ich war froh, mich nicht mehr mit diesem netten Menschen unterhalten zu müssen, weil ich Angst hatte, mich zu verplappern und jemand das Gespräch überhören würde und mich in Probleme bringen würde.

In der Schlange bei der Einreisekontrolle war vor mir eine Gruppe deutscher Pilger, die mich fragten, was ich in Israel vorhatte und denen ich mit einem schlechter werdenden Gewissen, meine Geschichte erzählte. Ich kann ja kaum direkt vor der Immigrationsstelle meine Geschichte platzen lassen!

Dann endlich war ich an der Reihe der Frau am Einreiseschalter meinen Pass abzugeben und meine Geschichte zu erzählen.

Was machen sie in Israel?

Eine Pilgerreise. Ich bin Christ und würde gerne sehen, wo Jesus gelebt hat

Wohin werden sie reisen?

Jerusalem, Bethlehem, Nazareth,…

Wieviel Geld haben sie bei sich?

100€

(sie schaut mich entsetzt an)

Ich habe noch 100€ auf dem Konto!

(sie schaut mich noch entsetzter an)

Wo werden sie schlafen?

In Jerusalem, werde ich dann sehen.

(entsetzter Blick) Ok, hier ist Ihr Stempel und geben Sie bitte der Dame dahinten diesen Zettel und Ihren Pass.

Ich gehe erleichtert zur Dame dahinten und wundere mich was, der Zettel bedeutet und warum ich einen grauen habe und alle anderen einen pinken. Die Dame behält meinen Pass und sagt ich solle neben ihr warten. Ich werde nervös. Dann kommt ein Sicherheitsmann und fragt mich dieselben Fragen. Ich antworte mit denselben Antworten. Ich werde immer nervöser, versuche aber ruhig und freundlich zu bleiben und vor allem, dieselben Antworten zu geben. Da kommt eine neue Frage:

„Ich verstehe das nicht. Sie sind zum ersten Mal von zu Hause weg und haben nichts geplant? Keine Unterkunft vorher gebucht, oder irgendetwas?“

Mmh. Gute Frage.

Ohne zu wissen, was ich gerade tue, bewegen sich meine Lippen und ich sage mit so viel Selbstbewusstsein, wie ich aufbringen kann: „Ich habe geplant ein Abenteuer zu haben.“

Er gibt mir meinen Pass, lächelt und sagt: „Viel Spaß bei Ihrem Abenteuer.“

Danke, dass werde ich haben. Und vielleicht sehen wir uns in einem Jahr wieder und ich bin wieder in Erklärungsnot.

Warum streiten sich Linke und (evangelikale) Christen eigentlich immer?

Zwischen der politischen Linken (nicht der Partei, die den Namen übernommen hat, als stünde sie für alle Linken, dazu später mehr) und vielen Christen, besonders in evangelikalen Kreisen herrscht tiefe Feindschaft. Sind die einen für die Wahlfreiheit zur Abtreibung, dann sind die anderen für das Leben (also gegen Abtreibung, warum ist eigentlich nie jemand dagegen, dazu später was). Mehr christliche Werte in der Politik, oder mehr Trennung von Staat und Kirche. Die Beispiele sind mannigfaltig.

Worauf ich aber hinaus wollte, ist: Eigentlich sind sich beide ziemlich ähnlich. Bis in die kleinsten Details.

  1. Beide haben Erlöserfiguren (Marx und Jesus) und Endzeits- („Apokalypse“ und „Weltrevolution“), sowie Erlösungsvorstellungen („klassenlose Gesellschaft“ und „neuer Himmel und neue Erde“, „das neue Jerusalem“)
  2. Beide haben diesen Anspruch die Welt zu verbessern, denken aber auch, dass die Welt in den Abgrund geht.
  3. Beide haben einen gewissen Hang zum Fatalismus. (dialektischer Materialismus und Gott als Herr der Geschichte)
  4. Beide meinen, dass eigentlich alle anderen Leute besser täten, ihre Wahrheit anzunehmen.
  5. Beide spalten sich über Lehrmeinungen dauernd auf und benutzen ihre Macht größtenteils dazu die anderen Splittergruppen zu diskreditieren.
    (Stalinisten, Leninisten, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, darunter: rote Anarchisten, grüne Anarchisten, rosa Anarchisten in der Kirche vor allem seit der Reformation: Lutheraner, Calvinisten, Reformierte, Mennoniten, Amish, Mennoniten-Brüder, Baptisten, Southern Baptists, … heutzutage heißt fast jede Gemeinde unterschiedlich!)
  6. In beiden wählen die Splittergruppen Namen, die implizieren, sie verträten alle aus der Gesamtgruppe (DIE Linke, katholisch (allumfassende), orthodox (rechtlehrend), evangelisch (glauben die anderen nicht an die Gute Nachricht?) Baptisten (taufen nicht alle Christen?) )
  7. Beide definieren sich stark über Abgrenzung: anti-faschistisch, -kapitalistisch, -klerikal, -sexistisch und Absprechung des Heils anderer Christen z.B.: „Der Papst ist der Antichrist“, weitverbreiteter anti-Kommunismus.
  8.  Beide wollen zwar die Massen erreichen, haben aber Berührungsängste mit allen, die nicht ihrer Lehrmeinung sind und treten mit diesen nur in Beziehung, um sie zu verändern, ja nicht, um selbst verändert zu werden.

Wahrscheinlich ist der letzte Punkt der, der dafür gesorgt hat, dass beide ihr Ziel immer noch nicht erreicht haben.

Warum ich?

Für eine Zeltfreizeit in ein paar Tagen muss ich zwei Themeneinheiten vorbereiten: „Nachfolge Christi“ und „Vorbilder des Glaubens“ nach tagelangem Ringen bin ich jetzt mit „Vorbilder des Glaubens“ fertig geworden, wobei mir einiges über mich selbst klar werden musste und ich mich immer wieder fragte, ob das außer mir irgendjemand hören will. Vielleicht haben andere Leute ja gar nicht so große Schwierigkeiten mit sich selbst und brauchen keine Vorbilder. Vielleicht ist sind meine Vorbilder (Dorothy Day und St. Martin von Tours) eine zu starke Fokusierung auf den sozial-diakonischen Teil des Christentums?

Nach einigen Gesprächen mit Freunden habe ich jedenfalls dieses Thema heute beendet.

Nur um in noch größere Konflikte zu kommen.

Will ich wirklich 12-14 Jährigen davon erzählen, wie es ist Jesus nachzufolgen? Wovor habe ich mehr Angst? Das sie mir nicht zuhören und das alles blöd finden, oder dass sie mir zuhören und ihre Eltern das blöd finden? Überhöhe ich dabei nicht vielleicht die Nachfolge Christi in etwas unglaublich Radikales, dass man nicht tun kann, ohne alles andere hinter sich zu lassen?

Tatsächlich glaube ich, dass Nachfolge radikal sein muss, aber dass kann ich doch keiner Jugendlichen erzählen, die noch 4-6 in die Schule gehen soll. Soll sie radikal sein? Ich denke schon.

Ich erinnere mich an die Momente, in denen mir klarer wurde, dass Nachfolge mein ganzes Leben erfordern wird. Auf Freizeiten. Als ich „Ich muss verrückt sein, so zu leben“ las. In verschiedenen Predigten. Als ich kochen lernte und merkte, wie befreiend es ist. Beim CPT-Treffen in Berlin. Auf Freakstock.

Und ich erinnere mich, wie ungesund ich fast jedes Mal damit umgegangen bin. Ohne Freunde, die sich für dasselbe interessierten, und mit gigantischen, unpraktischen Ideen im Kopf war ich von dem Wissen um die Notwendigkeit radikaler Nachfolge nur gelähmt. Ich träumte von großen Experimenten und tat gar nichts und fühlte mich deswegen schlecht. Ich merkte, dass ich alleine nichts tun könnte, aber anstatt mich auszustrecken und Gleichgesinnte zu suchen, isolierte ich mich und lehnte Leute ab, weil sie „nicht radikal genug“ waren.

Will ich, dass es den Jugendlichen auch so geht?

Erst seit kurzem fühle ich mich von großen Visionen befreit und habe das Gefühl in kleinen Schritten in die Nachfolge zu treten. Das hat aber auch damit zu tun, dass ich jetzt nicht mehr zur Schule geh und mir aussuchen kann, was ich als nächstes mache. Aber was erzähl ich denen jetzt? „Wartet 4 Jahre, dann könnt ihr Jesus nachfolgen? Das kanns ja nicht sein.

Der nächste Punkt ist noch schlimmer:

Kann ich diesen Kindern überhaupt von Nachfolge erzählen?

Ich weiß nur, dass Jesus Nachfolge dauernd einfordert, aber was das jetzt genau heißt, darüber hab ich viel gelesen, aber gelebt?!

Ich habe jetzt mit einem anderen Mitarbeiter geredet, der mich bestärkt hat, auch meine Schwächen zuzugeben und mit dem ich das Thema wohl zusammenhalten werde.

Gnade gegen Spende

Freakstock 2011_PC-81

Letzte Woche war ich auf Freakstock, dem jährlichen Festival der Jesus Freaks. Es war eine großartige Erfahrung und ich frage mich, warum mich niemand vorher dahin geschleppt hat… Genau diese Gemeinschaft an alternativen, fröhlichen Christ_innen habe ich lange gesucht und nun vielleicht endlich ein paar davon getroffen.

Es gab dort viel Schönes und Inspirierendes, aber das spannendste waren die Volksküche und die Band Psalters. Bei der Volxküche wurde tagsüber gekocht, sodass abends zusammen gegessen werden konnte. Eingeladen waren alle, zum Essen, wie auch zum Schnibbeln, Würzen und Spülen. Außerdem war das Vokü-Zelt ein Ort der Begegnung, am dem ich einen großen Teil der Zeit während des Festivals verbrachte und spannende Menschen kennenlernte.

Die Psalters sind eine Band aus Philadelphia, USA Turtle Island, die liturgische Texte mit Punk-Folkmusik mischen und sich als Nomaden verstehen. Ich kannte sie vor Freakstock nicht und bin immer noch sehr begeistert von dieser Musik, den Musiker_innen und ihren Konzerten (sie haben von vier Tagen 3(!) mal gespielt).

Was mich aber an diesen zweien am meisten überzeugt hat, war, dass beide einzig und allein auf Spendenbasis funktionierten. Bei der Vokü stand eine Kasse und man warf hinein, was man wollte. Der Stand der Psalters war immer besetzt und man konnte sich an Alben und Patches nehmen, was man wollte, gegen eine Spende beliebiger Größe. Es gab keine festen Preise und man gab so viel, wie man konnte und das Projekt unterstützen wollte. Man konnte auch gar nichts geben.

Diese Praxis hat mich zum Nachdenken gebracht und schließlich kam ich im Gespräch mit Freunden auf diese These: „Gnade gegen Spenden“ (Der Satz ist ein leider Anglizismus, „grace for donations“ und ich freue mich über bessere Übersetzungsvorschläge).

Was bringt mich zu diesem Gedanken? Gnade ist ein Wort mit dem viele Leute etwas vollkommen Unverdientes verstehen und auch zu recht. Die Gnade, die Gott uns anbietet können wir durch nichts verdienen. Egal, wie fromm unsere Lebensführung wäre, oder wie viel Frieden wir stiften würden; nichts kann die Gnade erkaufen – abgesehen davon, dass wir diese Dinge wohl kaum ohne Gott tun könnten. Das Konzept von der unverdienten Gnade erlöst uns aus dem Zwang „Gutes“ zu tun, der allzu schnell für einen höheren Zweck die Mittel heiligt. Es erlöst uns von Schuldgefühlen und zeigt uns, dass wir so angenommen sind, wie wir sind. Das ist die Predigt, die Rev. Vince Anderson uns in seinem Konzert über Gottes all-inklusive Liebe hielt.

Aber. Es gibt immer ein aber. Die Stärken eines Konzepts werden zu Schwächen, wenn sie ihr subversives Element verlieren, Allgemeinplätze werden und andere Wahrheiten verdrängen.

So ist es auch hier. Ich bin kirchenhistorisch nicht bewandert genug, um die genauen Ursachen für diesen Umschwung zu sehen, aber sagen wir einfach, die Tradition der Gnade hat die Tradition der Werkgerechtigkeit besiegt, und mit ihr auch alles verdächtig gemacht, was nach Werken aussieht. Wer auf die Notwendigkeit christlicher Werke hinweist und Zweifel daran hegt, dass alles, was Christ_innen nach ihrer Bekehrung tun sollen, lobpreisen und anbeten und keinen Sex vor der Ehe haben ist,  gilt bei manchen schon fast als Ketzer.

Da so aber auch schon die Propheten genannt wurde, lasse ich mich nicht stören.

Ich denke, Werke sind wichtig, vielleicht sogar essentiell – gleichzeitig kann man sich die Gnade nicht verdienen. Wie also soll man diese Dialektik auflösen?

Hier kommen die Spenden ins Spiel.

„Gnade gegen Spenden“ heißt, jede nimmt sich was sie braucht und gibt was sie kann. Manche brauchen mehr und geben scheinbar nichts, manche können wenig annehmen, meinen aber viel geben zu müssen. Manche geben anders, so wie bei der Vokü manche Essensspenden mitbrachten, oder Gemüse schnibbelten, während andere „nur“ einen 5€-Schein in die Kasse legten. Durch das Annehmen der Gnade kann man diese weitergeben und auch so etwas zurückgeben, wie manche begeistert von den Psalters erzählten und so Leute zu ihrem Konzert brachten, die später viel Geld für CDs gaben.

Diejenige(n), die die Kosten tragen und sich auf ein solches Konzept einlassen (sei es die Vokü auf einem bescheidenen Niveau, oder die Psalters, die tatsächlich mehr oder weniger von Spenden für ihre Musik leben, oder letztlich Gott, der sich und den Kosmos der Menschheit komplett ausgeliefert hat) brauchen ein gewaltiges Maß an Vertrauen gegenüber den zunächst bloßen Konsumenten.

Aber gerade durch dieses Vertrauen fühlen sich die Konsumierenden wahrgenommen und haben die Möglichkeit dieses Vertrauen zu bestätigen und Teil der Bewegung zu werden, die durch die Gnade ausgelöst wurde. Manchmal wird das Vertrauen auch enttäuscht, so wie als die Vokü 100€ im Minus war (ich hoffe es hat sich noch ausgeglichen), aber dadurch werden sich die Begnadigten erst ihrer Verantwortung bewusst und können sie wahrnehmen.

Eine letzte und spannende Gemeinsamkeit zwischen Gnade und dem Konzept der Schenkökonomie (zu der man das „gegen Spenden“ Prinzip zählen kann) ist, dass es vielen Menschen unglaublich schwer fällt, beides anzunehmen. Wir sind so gewohnt, dass alles einen festen Austauschpreis hat, dass man alles messen kann, dass Pflichten erfüllt werden können und müssen, dass es uns unmöglich und unerträglich erscheint, dass es etwas anderes gibt. Die Gnade erschreckt den gefallenen Menschen, weil er alles einteilen will, genau messen und ordnen will.

Ein solches Maß an Reich Gottes ist für das System höchst erschreckend. Zu Recht.

 

Ich weigere mich, zu danken

Heute habe ich es im Gottesdienst einfach nicht mehr ausgehalten.

Die letzten Tage haben wir alle die schrecklichen Nachrichten aus Japan verfolgt, zuerst das stärkste Erdbeben seit Beginn der Messungen mit dem Tsunami, die alleine schon mindestens zehntausend Tote gefordert haben. Dazu kommt noch die Atomkatastrophe, was genau passiert ist, weiß ja niemand, die Informationen sind lückenhaft und sich widersprechend, aber es hört sich ziemlich grauenhaft an.

Dazu kommen noch: der weiterhin sein Volk abschlachtende Irre Gaddaffi, dass ein Freund von mir in Irakisch-Kurdistan gewaltfreie Aktivisten begleitet, aber niemand darüber berichtet grausame Verhältnisse, an die wir uns leider schon viel zu lange gewöhnt haben, und ich schreibe nächste Woche Abitur, was mich zwar eigentlich nicht sonderlich nervös macht, aber eigentlich meine Aufmerksamkeit verdient hätte.

Heute morgen also schaute ich Nachrichten und war wieder erschüttert und verzweifelt in meiner Ohnmacht, dem was in Japan geschieht gegenüber, und auch in Sorge, ob sich die deutsche Atompolitik endlich ändern wird, oder wie viele Katastrophen wir noch brauchen, bis wir merken, dass Atomenergie gefährlich ist. Da wurde wieder von „Brückentechnologie“ geredet, „die wir für den Übergang brauchen“, aber kein Wort wurde darüber verloren, dieses Konzept auch ernst zu nehmen, und diejenigen, die mit der angeblichen Brücke Millionen machen, für die Schäden haften zu lassen und den Rest des Profits für die Weiterentwicklung alternativer Energien zu benutzen.

Da wurden diejenigen, die jetzt einen deutschen Politikwechsel fordern, als pietätslos dargestellt, weil sie alles gleich zu einer innenpolitischen Debatte machten, und keinen Respekt vor den Opfern zeigten.

Verzweifelt und Trost suchend kam ich also in den Gottesdienst – und wir sangen Loblieder. Eines nach dem anderen. Wofür wir eigentlich lobten wurde nie so richtig klar, auch nicht, wie man in dieser Situation überhaupt loben kann und nicht zunächst mal klagen muss. In einem Gebet wurde deutlich, dass die Gottesdienstleitende ebenfalls bestürzt war, aber in der Liturgie habe ich es kein bisschen gespürt.

Es wurde Psalm 91 gelesen, und es klang für mich wie purer Hohn:

Auch wenn tausend neben dir fallen, zehntausend rings um dich her, zu dir wird es nicht kommen. Du siehst es noch mit eigenen Augen, wie er es den Gottlosen heimzahlt.          Psalm 91, 7 und 8

Ist das unsere Antwort auf das Leid in der Welt??:

Zum Glück hat es uns nicht erwischt.

Natürlich bin ich froh, dass es mich nicht erwischt hat, und ich sollte Gott dafür danken, aber ich kann es nicht. Ich bin nicht der Psalmist, der der Gefahr ausgesetzt war und heilfroh ist davon zu kommen. Ich sehe nur die zehntausend und weigere mich zu danken.

Die Schwester, die den Gottesdienst leitete, hat diesen natürlich vor dem Unglück geplant und hat gar nicht gemerkt, wie sich Lieder und Texte unter anderen Umständen jetzt anhörten. Sie wollte aus tiefstem Herzen Gott danken. Aber ich konnte es nicht, und wollte es auch gar nicht können.

Nach drei Liedern bin ich einfach aufgestanden und gegangen, meine Mutter holte mich ein, verstand aber, was mich bewegte. Sie ging wieder in den Gottesdienst und ich ging spazieren. Im Wald klagte ich Gott an und trauerte um die Japaner.

Gott hält meine Anklage aus und er tröstet mich. Aber noch will ich nicht getröstet werden. Noch klingt getröstet zu sehr wie vertröstet. Vertröstet auf andere Zeiten, auf das Reich der Himmel, auf die Apokalypse, die sich manche Evangelikalen ja gerade in solchen Bildern, wie wir sie in Japan sehen, vorstellen.

Ich will, dass Gott mit mir rechtet. Dass wir miteinander ringen, die Frage nach Theodizee neu beantworten. Zufriedenstellend beantwortet wird sie wohl nie sein, Jesus selbst ruft am Kreuz „Eli, eli, lama sabachthani?“

Diese Katastrophe ist in den Beginn der Passionszeit gefallen, in der Christen sich auf das Leiden und Sterben ihres Erlösers einstimmen. Ich mag diese Zeit, denn es ist die Zeit im Kirchenjahr, in der wir uns des Leids um uns mehr als sonst bewusst werden, und aufgefordert werden, in die Nachfolge Christi zu treten, der gelitten hat, der ungerechten Menschen willen.

Aber selbst Nachfolge wird Naturkatastrophen nicht verhindern können.

Gab es im Paradies Erdbeben?

Nachtrag: Als ich weg war, sagte im Gottesdienst jemand sie könne auch nicht danken, und als das Schweigen gebrochen war, äußerten viele den Wunsch einfach zu schweigen. Der Gottesdienst wurde spontan verändert und man schwieg und klagte vor Gott.

Ich liebe meine Gemeinde dafür, dass dies möglich ist und die Schwester als sie darauf angesprochen wurde, das Problem erkannte und einwilligte alles über den Haufen zu schmeißen. Ich habe ihr auch eine Mail geschrieben und mein Verhalten erklärt. Ich denke, wir haben kein Problem mit einander.

Adventlich-grammatikalische Offenbarung

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

So lange ich mich erinnern kann, hat mich dieses Lied in der Adventszeit verwirrt: „Der Herr der Herrlichkeit“, damit konnte ich etwas anfangen, das soll Jesus sein, auch die anderen Titel sind mir als treuem Kindergottesdienstbesucher einleuchtend gewesen, „König aller Königreich“, „Heiland aller Welt zugleich“, kennt man ja. Nun kommt ein Relativsatz, der erklärt, dass Jesus „Heil und Leben mit sich bringt“ und jetzt kommt noch ein Relativsatz, der besagt, dass Jesus „[…]halb jauchzt, mit Freuden singt“.

So habe ich es zumindest immer verstanden. Meine Vorstellung von Jesus war lange Zeit ein Typ, der verklemmt jauchzt und gerne Lieder singt. Was vielleicht in unsere Gemeinden passt, in denen bei Predigten fröhliches und freies Jauchzen verordnet wird, und immer wieder betont wird, wie gerne man doch singt…

Auf einer theologischen Ebene gesehen, ist das nicht Häresie? Ein Jesus, der halb jauchzt, ist das nicht eindeutig eine Leugnung der ganzheitlichen Doppelnatur Christi, der zugleich ganz Mensch und ganz Gott ist? Wenn Jesus hier nur halb jauchzt, ist er dann vielleicht auch nur halb Mensch – oder halb Gott, welche Natur ist eigentlich für das Jauchzen zuständig?!

Wer den Text weiter betrachtet, wird zu dem Schluss kommen, dass es wohl die menschliche Natur ist, denn Jesus singt ja anscheinend: Gelobet sei mein Gott // mein Schöpfer reich von Rat.

Gestern fiel es mir im Gottesdienst dann wie Tannennadeln vom Weihnachtsbaum: „Derhalben“ ist ja zusammen geschrieben… das ist ein Wort, das gar kein Relativpronomen ist sondern eine Subjunktion, ein Prototyp unseres guten „deshalb“. Doch keine Häresie, kein halbjauchzender Jesus, der gerne singt.

Dann sind aber „jauchzt“ und „singt“ Imperative – womit wir wieder beim verordneten Jauchzen wären…


Mein Schutzheiliger

Heute ist St. Martin und im ganz Deutschland ziehen Kinder mit Laternen durch ihr Dorf, singen „Ich geh mit meiner Laterne“ und essen Martinsmännchen.

So lange ich mich erinnern kann, mochte ich diesen Tag. Der Umzug kommt direkt an unserem Haus vorbei und einige Minuten vorher hört man schon die Blaskapelle vorbeiziehen. Draußen ist es schon dunkel und die Laternen leuchten bunt, in die Dunkelheit hinein. Kinder rennen rum, werden auf dem Rücken getragen, werden immer wieder nutzlos ermahnt, ihre Laternen nicht so hin und her zu wackeln. Nie sieht man in Bammental so viele Kinder fröhlich singen und der unheimlichen Dunkelheit trotzen.

Es ist zumindest in B’tal auch Tradition, dass Grundschüler die berühmte Geschichte aufführen, in der Martin mitten im Winter seinen Offiziersmantel mit seinem Schwert teilt, um die Hälfte einem Obdachlosen zu geben, der nicht in die Stadt eingelassen wird. Bestimmt kennt ihr die Geschichte.

Ich glaube, dass der Sprengstoff dieser Geschichte gar nicht mehr richtig zur Explosion kommt, da wir sie schon so oft gehört haben, dasselbe Problem wie bei Weihnachten, oder Ostern.

Martin, der kleine Mars, entstammt einer militärischen Familie, der Vater ist Offizier und hat seinen Sohn gleich mal dem römischen Kriegsgott geweiht. Als Jugendlicher wird Martin Christ, ist aber schon im Militär. Die Kirche ist noch immer auf ihrem „radikal-pazifistischen“ Standpunkt, dass man seine Feinde nicht lieben kann, wenn man sie umbringt, weshalb Martin in der Armee bleibt, aber nicht kämpfen darf. Die Provinz Gallien, wo er stationiert ist, ist aber auch schon länger befriedet und er geht nicht auf Konfrontationskurs mit dem Militär. Voll der Mitläufer also.

Denkste. Der Mantel, den Martin teilt ist nicht sein eigener. Er ist Teil der Uniform und damit Staatseigentum. Ein Herrschaftssymbol. Und Martin zerschneidet es, um einem dreckigen Bettler Wärme zu spenden. Er zerstört Eigentum des Staates, weil dieser sich einen Dreck um die Ausgegrenzten schert. Das ist der erste Schritt von Martins Ungehorsam. Er sah in dem Bettler Christus und kleidete ihn.

Als der Kaiser die Truppen ein wenig später vor einer Offensive gegen die Barbaren versammelt, um ihren Kampfgeist zu stärken, verweigert Martin öffentlich dem Kaiser den Gehorsam, da er einem anderen Herrn dient, Jesus Christus, der ihm gebietet seine Feinde zu lieben. Um zu beweisen, dass er kein Feigling ist, bietet er an, nur mit einem Kreuz in der Hand, den Barbaren entgegenzutreten. Der Kaiser lässt ihn ins Gefängnis werfen. (Die Barbaren ergaben sich später ohne Kampf).

Auch später kritisiert Martin noch oft die Mächtigen, wird von der Volksmenge gegen seinen Willen gedrängt Bischof zu werden, und verteidigt vergeblich die Priscillianer vor Verfolgung zu schützen, obwohl er sie selbst für Ketzer hält.

Nach seinem Tod wurde er bald heilig gesprochen und sein Mantel (lat. cappa) als Reliquie verehrt. Die französischen Könige erwarteten davon Schutz und nahmen in mit in Schlachten, wo ein Priester, den Mantel trug (cappelani), daraus entwickelte sich der Begriff der Kapelle und des Kaplans. Die Militärseelsorger in der US-Armee heißen auch chaplains.

Heute ist St. Martin unter anderem Patron der Soldaten. Ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr die Kirche sich von ihren Wurzeln entfernt hat.

Mittlerweile nehmen die Kinder aus dem Anspiel beim Martinsumzug mit, dass Soldaten auch nette Menschen sind. Diese subversive Erzählung ist von der militaristischen Propaganda, die uns geprägt hat, usurpiert worden und hat ihre ursprüngliche Bedeutung verloren.

Ich schlage deshalb ein Moratorium auf diese Geschichte vor und denke wir sollten andere Geschichten aus Martins Leben dort spielen. Seine Verweigerung vor dem Kaiser zum Beispiel. Oder der Versuch die Ketzer vor Verfolgung zu retten.

Für mich ist St. Martin der Patron der Kriegsdienstverweigerer. Der Patron Franz Jägerstätters, der im Dritten Reich den Kriegsdienst verweigerte und dafür hingerichtet wurde, der Patron Phillipp Pereiras, einem Totalverweigerer aus der Umgebung Heilbronn, und mir, einem normalen Kriegsdienstverweigerer.

Es ist Zeit, dass diese Geschichten wieder erzählt werden, auf Martinsumzügen, in Predigten und Kindergottesdiensten.

Nachtrag: Ein wenig verspätet, aber jetzt trotzdem: Am Sonntag nach St. Martin habe ich mit den Kindern unserer Gemeinde im Kindergottesdienst über St. Martin gesprochen und wir haben Martinsmännchen und zerbrochene Gewehre gebacken.

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_von_Tours

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Martin_von_Tours.htm

SoundOff, Dezember 2009, Volume 6, Issue 4

Bilder: http://www.sankt-martin-pfalz.de/extras/martinus/legenda.html