Siedlerangriff?

Vorgestern ist hier etwas sehr seltsames passiert, das mir einige interessante Dinge über die Lage hier offenbart hat. Leider war ich nicht selbst dabei und kann euch die Geschichte nur weitererzählen, wie ich sie gehört habe, aber es ist wirklich so passiert:

Zwei weibliche Freiwillige pflückten am Rand des Grundstücks seltsame Zwergäpfel als sie einen Mann mit einem Esel sahen, der auf den Olivenbäumen des Nachbarn herumsprang, an ihnen zerrte und sein Bestes gab, sie zu zerstören. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie, dass sein Gesicht grün angemalt war.

Sie riefen ihm zu er solle aufhören und kamen auf ihn zu. Plötzlich hatte er einen Stein in der Hand rief: „What?! What do you want?“ Und dann noch einiges auf arabisch.Nach einer Weile ging er aber weg.

Sie riefen Daher, meinen Chef, und ich musste die Pferde von der Weide holen, damit sie nicht geklaut werden können.

Zum Verständnis der Situation sollte man noch wissen, dass es schon mehrmals vorgekommen ist, dass Siedler hier bei uns und in der ganzen Westbank Olivenbäume zerstört haben, die für viele palästinensische Familien die wirtschaftliche Grundlage sind und teilweise hunderte Jahre alt sind.

Als wir also beim Mittagessen und die Geschichte erzählt wird, lautet sie schon so: „Ein Siedler hat Olivenbäume zerstört. Das Gesicht hat er sich grün angemalt, um nicht erkannt zu werden, und das Arabisch war wahrscheinlich hebräisch (kann ja eh keiner unterscheiden), oder schon arabisch, aber Schimpfwörter.

Später kommt der Mann wieder (ohne Esel) und beschuldigt uns, wir hätten seinen Esel geklaut. Daher wird gerufen und unterhält sich auf arabisch mit dem Mann (erstaunlich für einen Siedler so gut arabisch zu können). Er macht ihm klar, dass wir den Esel nicht haben und ruft den Besitzer des Nachbargrundstücks an, um ihn zu informieren, was bei ihm eigentlich los ist.

Der Besitzer klärt uns auf. Der Mann ist Palästinenser und der Exmann der Tochter des Nachbarn. Er war anscheinend wütend auf die Familie seiner Exfrau und hat das ganze deswegen gemacht.

Keine Politik, nur eine Familientragödie.

Ich frage mich, wie oft das hier so ist. Das etwas wegen der Besatzung sofort als politisch motiviert verstanden werden. Im März wurde eine Siedlerfamilie in ihrem Haus ermordet. Wahrscheinlich war es ein Palästinenser, aber palästinensische Medien berichteten, es wäre ein Thailänder gewesen, der für die Familie gearbeitet hat und dem sie noch einiges Geld schuldete.

Egal, wer es war, niemand hat sich zu der Tat bekannt, warum ist es also so sicher, dass es eine politische Motivation war? In anderen Ländern bringen sich Leute auch grausam um und da sind es nur Verrückte, hier sind es alles gleich politisch motivierte Leute.

Ich will nicht behaupten, dass alle Siedlerangriffe und Terroranschläge nur die Taten von Geisteskranken sind. Sie haben klare politische Ziele, und der Konflikt gibt gerade gewaltbereiten Menschen eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Psychisch gestörte Menschen werden durch den Hassdiskurs auch instrumentalisiert, wie zum Beispiel in diesem Fall die Al Quds Brigade gesagt hat, sie wären es zwar nicht gewesen, aber es wäre trotzdem richtig.

Vielleicht gibt es hier in Palästina und Israel auch ganz viel Normalität, die trotz des Konflikts existiert und vom Konflikt beeinflusst wird.

Sündigt aber dein Bruder an dir…

Bei den Vereinten Nationen hat Obama heute seinen Kommentar zum palästinensischen zur Aufnahme in die Reihe der Staaten abgeben: Die Palästinenser sollen weiter direkt mit Israel verhandeln und nicht die internationale Bühne benutzen.

Das erinnert mich an den Besuch bei Sabeel, einem palästinensischen Zentrum für ökumenische Befreiungstheologie, während der CPT-Inforeise. Nach einem Vortrag nahmen wir dort an einer Abendmahlsfeier statt. Die arabische Liturgie, die wir auf englisch mitlesen konnten, war lebendig und feierlich.Statt einer klassischen Predigt führte der Pastor kurz in den Text ein und eröffnete dann das Gespräch über den Text an dem alle Anwesenden Teil haben konnten.

Die Lesung war: Matthäus 18,15-19

15 Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. 16 Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf daß alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund.17 Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn als einen Zöllner oder Heiden.18 Wahrlich ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.
   19 Weiter sage ich euch: wo zwei unter euch eins werden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

Ein Teilnehmer stellte eine interessante Gemeinsamkeit mit der Besatzung fest: Zunächst haben die Palästinenser direkte Verhandlungen probiert, dann haben sie mit den USA einen Vermittler gehabt, und diese beiden Methoden haben immer noch keine Verbesserung gebracht (sondern nur mehr Siedlungen, die Apartheidsmauer und weitere Zerstückelung des Gebiet eines eventuellen palästinensischen Staates).

Jetzt bringen sie den Fall vor die UNO.

Doch was passiert wenn die „Gemeinde“ den Fall nicht lösen will kann? Sollen die PalästinenserInnen Israel dann wie einen „Zöllner oder Heiden“ behandeln?

Und was heißt das? Ein Generalstreik unter den in Israel und den Siedlungen arbeitenden Palästinensern? Boykott, Divestment und Sanktionen (BDS)?

Hier kommt man nicht umhin zu bemerken, wie Theologie und Politik ineinander übergehen. Ich bin gespannt zu beobachten, was hier passiert, auch wenn ich das Gefühl habe, hier auf dem Weinberg kriegt man nicht wirklich viel mit.

Sabeel werde ich noch öfter besuchen.

Ungewissheit

Die Inforeise der Christlichen Friedensstifterteams, an der ich die letzten zwei Wochen teilgenommen habe ist nun vorbei und ich habe heute ich wieder mit der Arbeit angefangen.

Eigentlich wurde ich erst morgen erwartet, aber da die Reise zu Ende ist habe ich mich entschieden jetzt schon zurück zu kommen, weil ich keine Lust hatte mein Hostel selbst bezahlen zu müssen und ich endlich anfangen wollte auf dem Weinberg zu arbeiten.

Ein weiterer Grund aber ist, dass niemand sicher weiß, ob ich morgen noch in das Westjordanland hinein gekommen wäre.

Heute hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen begonnen und eines der Hauptthemen, neben vielen anderen spannenden Themen, ist der Antrag der palästinensischen Autonomieverwaltung auf die Aufnahme als volles Mitglied, was der internationalen Anerkennung als Staat entspricht.

Während der größte Teil der Welt Palästina bereits anerkannt hat, sind Israel, die USA und die EU, sowie die einige der von Ihnen abhängigen Staaten dagegen.

Die Abstimmung findet wahrscheinlich am Freitag statt, aber ob sie Erfolg hat, und was ein eventueller (Miss)Erfolg für Folgen hat, ist ungewiss.

Auf der Reise kamen fast alle unsere Gesprächspartner auf die Abstimmung zu sprechen. Die meisten pessimistisch, wenige optimistisch. Es kursieren allerlei Gerüchte, Israel werde das Westjordanland annexieren, bewaffnete Siedler planten Märsche auf palästinensische Städte, zahlreiche palästinensische Anschläge wären geplant. All dies gibt wenig Anlass zur Hoffnung.

Ich selbst, weiß auch nicht, was ich hoffen soll:

Dass die Abstimmung Erfolg hat, und wir hier Angriffe von mit Maschinengewehren bewaffneten Siedlern fürchten müssen, die Angst haben, dass sie „ihr“ Land verlassen müssen?

Oder ein komplett abgeriegeltes Westjordanland, sowie Gaza?

Eine dritte Intifada? Mit Steine werfenden palästinensischen Kindern und scharf schießenden israelischen Soldaten? Selbstmordattentaten und Vergeltungsbombardements?

Oder soll ich beten, dass alles ruhig bleibt?

Nein, ich will, dass die Besatzung endlich aufhört und die beiden Völker ernsthaft am Frieden arbeiten können.

Auf meiner Reise habe ich viele PalästinenserInnen getroffen, die entschieden sind, ihre Freiheit und Würde zu erkämpfen. Durch gewaltfreien Widerstand und in der Überzeugung, dass die Geschichte ihnen recht geben wird.

Ich bete, dass die Abstimmung bei der UNO, egal was ihr Ergebnis sein wird, die PalästinenserInnen nicht entmutigt, sondern darin bestärkt ihre Rechte einzufordern. Ich bete, dass die Israelis einsehen, dass die Besatzung Unrecht ist und sie mit ihren Nachbarn in Frieden und Gerechtigkeit leben können.

Während ich dies bete, bleibt die Ungewissheit.

Nachtrag: Wer den Antrag der Palästinensischen Autonomiebehörde unterstützen will, unterschreibe hier.

„Ich habe geplant, ein Abenteuer zu erleben“

Das einzige, was mir vor meinem Flug nach Tel Aviv Angst gemacht hat, waren nicht Selbstmordanschläge oder gewaltbereite Siedler. Das waren für mich Dinge, die zwar passieren könnten, aber doch mit sehr niedriger Wahrscheinlichkeit. Aus demselben Grund hatte ich auch keine Angst vor einem Flugzeugabsturz. Nein, ich hatte Angst vor etwas, dass auf jeden Fall auf mich zu kam: Vor den Fragen bei der Einreise und der Möglichkeit nicht ins Land gelassen zu werden.

Dafür hatte ich mir die Haare geschnitten, mich frisch rasiert, ein schickes Hemd angezogen und meinen Laptop samt Facebookprofil von im entferntesten israelkritischen Details bereinigt.

Vielleicht war alles nur Panikmache, aber eine meiner Mitfreiwilligen war schon einige Stunden am Flughafen festgehalten worden und ich hatte einiges Verräterisches im Gepäck: Arabischsprachkurse, Karten des Westjordanlandes, alles Dinge, die die Geschichte vom harmlosen Pilger, die ich mir zurecht gelegt hatte anzweifelbar machten.

Außerdem merkte ich immer mehr, dass ich ein Problem damit hatte, den Grenzbeamten ins Gesicht zu lügen. Sollte nicht mein ja ein ja sein und mein nein ein nein?

Mit all diesen Gedanken im Kopf verabschiedete ich mich von meinen Eltern am Frankfurter Flughafen und checkte ein. Die Sondersicherheitsuntersuchung in einem abgelegenen Gate überstand ich schon mal, aber da wurde auch nur das Handgepäck auf Sprengstoff untersucht, den ich nun wirklich nicht dabei hatte.

Im Flugzeug saß ich neben einem nach Deutschland emigrierten Israeli, mit dem ich mich mit Gott und die Welt unterhielt, aber den Palästinakonflikt erfolgreich umschiffte. Ihm erzählte ich als erstes die Halbwahrheit von meiner Pilgerreise; ich werde mir die meisten heiligen Stätten anschauen, aber das ist nicht der Grund, warum ich da bin.

Nach ungefähr vier Stunden landeten wir in Tel Aviv und ich war froh, mich nicht mehr mit diesem netten Menschen unterhalten zu müssen, weil ich Angst hatte, mich zu verplappern und jemand das Gespräch überhören würde und mich in Probleme bringen würde.

In der Schlange bei der Einreisekontrolle war vor mir eine Gruppe deutscher Pilger, die mich fragten, was ich in Israel vorhatte und denen ich mit einem schlechter werdenden Gewissen, meine Geschichte erzählte. Ich kann ja kaum direkt vor der Immigrationsstelle meine Geschichte platzen lassen!

Dann endlich war ich an der Reihe der Frau am Einreiseschalter meinen Pass abzugeben und meine Geschichte zu erzählen.

Was machen sie in Israel?

Eine Pilgerreise. Ich bin Christ und würde gerne sehen, wo Jesus gelebt hat

Wohin werden sie reisen?

Jerusalem, Bethlehem, Nazareth,…

Wieviel Geld haben sie bei sich?

100€

(sie schaut mich entsetzt an)

Ich habe noch 100€ auf dem Konto!

(sie schaut mich noch entsetzter an)

Wo werden sie schlafen?

In Jerusalem, werde ich dann sehen.

(entsetzter Blick) Ok, hier ist Ihr Stempel und geben Sie bitte der Dame dahinten diesen Zettel und Ihren Pass.

Ich gehe erleichtert zur Dame dahinten und wundere mich was, der Zettel bedeutet und warum ich einen grauen habe und alle anderen einen pinken. Die Dame behält meinen Pass und sagt ich solle neben ihr warten. Ich werde nervös. Dann kommt ein Sicherheitsmann und fragt mich dieselben Fragen. Ich antworte mit denselben Antworten. Ich werde immer nervöser, versuche aber ruhig und freundlich zu bleiben und vor allem, dieselben Antworten zu geben. Da kommt eine neue Frage:

„Ich verstehe das nicht. Sie sind zum ersten Mal von zu Hause weg und haben nichts geplant? Keine Unterkunft vorher gebucht, oder irgendetwas?“

Mmh. Gute Frage.

Ohne zu wissen, was ich gerade tue, bewegen sich meine Lippen und ich sage mit so viel Selbstbewusstsein, wie ich aufbringen kann: „Ich habe geplant ein Abenteuer zu haben.“

Er gibt mir meinen Pass, lächelt und sagt: „Viel Spaß bei Ihrem Abenteuer.“

Danke, dass werde ich haben. Und vielleicht sehen wir uns in einem Jahr wieder und ich bin wieder in Erklärungsnot.

„Das Lager macht uns wahnsinnig“

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Wir haben Fachkräftemangel, mehr Auswanderung als Zuwanderung und niedrige Geburtenraten. Aber wir klammern uns lieber an Träume von weißen Eliten, die plötzlich gerne in Deutschland arbeiten wollen, oder Untergangsvisionen von einem sich abschaffenden Deutschland, als dass wir mit den Menschen, die wegen Krieg, Hunger, Verfolgung und Armut hierher kommen zusammen arbeiten.

Flüchtlinge haben Fußmärsche, Schlepper und deutsche Behörden überlebt und wollen immer noch eine Ausbildung kriegen und arbeiten!
Aber statt in sie zu investieren grenzen wir sie aus und hoffen, dass nicht mehr kommen.

Bei dem Vorbereitungsseminar für meinen Freiwilligendienst haben wir ein Asylheim besucht. Ich war auf vieles vorbereitet, aber nicht darauf, dort Menschen zu treffen, die seit vier Jahren in einem Lager wohnen, nicht darauf alleinstehende Männer zu treffen, die noch nie selbst gekocht haben, die Essenspakete mit fremden, teils schimmeligen Gemüsen aber irgendwie verwenden wollen, und deswegen die Küche ihres Trakts nach wenigen Tagen ruiniert haben. Die sich aus lauter Frustration verprügeln, auch weil dort Männer aus verfeindeten Nationen zusammenwohnen müssen und weil sei außer ihrem gebrochenen bis teils beeindruckend guten Deutsch keine gemeinsame Sprache haben.

Der Satz, der mir immer wieder gesagt wurde, war: „Das Asylheim macht uns wahnsinnig.“

Flüchtlinge und Völkerwanderungen gab es seit Menschengedenken. Wieso glauben wir, wir könnten dieses natürliche Verhalten aufhalten? Und warum erkennen wir das gewaltige Potential dieser Leute nicht an?

Hier gibt es eine Petition, um wenigstens Kindern, die in Asylheimen wohnen müssen, ein besseres Leben zu verschaffen.

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Warum streiten sich Linke und (evangelikale) Christen eigentlich immer?

Zwischen der politischen Linken (nicht der Partei, die den Namen übernommen hat, als stünde sie für alle Linken, dazu später mehr) und vielen Christen, besonders in evangelikalen Kreisen herrscht tiefe Feindschaft. Sind die einen für die Wahlfreiheit zur Abtreibung, dann sind die anderen für das Leben (also gegen Abtreibung, warum ist eigentlich nie jemand dagegen, dazu später was). Mehr christliche Werte in der Politik, oder mehr Trennung von Staat und Kirche. Die Beispiele sind mannigfaltig.

Worauf ich aber hinaus wollte, ist: Eigentlich sind sich beide ziemlich ähnlich. Bis in die kleinsten Details.

  1. Beide haben Erlöserfiguren (Marx und Jesus) und Endzeits- („Apokalypse“ und „Weltrevolution“), sowie Erlösungsvorstellungen („klassenlose Gesellschaft“ und „neuer Himmel und neue Erde“, „das neue Jerusalem“)
  2. Beide haben diesen Anspruch die Welt zu verbessern, denken aber auch, dass die Welt in den Abgrund geht.
  3. Beide haben einen gewissen Hang zum Fatalismus. (dialektischer Materialismus und Gott als Herr der Geschichte)
  4. Beide meinen, dass eigentlich alle anderen Leute besser täten, ihre Wahrheit anzunehmen.
  5. Beide spalten sich über Lehrmeinungen dauernd auf und benutzen ihre Macht größtenteils dazu die anderen Splittergruppen zu diskreditieren.
    (Stalinisten, Leninisten, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, darunter: rote Anarchisten, grüne Anarchisten, rosa Anarchisten in der Kirche vor allem seit der Reformation: Lutheraner, Calvinisten, Reformierte, Mennoniten, Amish, Mennoniten-Brüder, Baptisten, Southern Baptists, … heutzutage heißt fast jede Gemeinde unterschiedlich!)
  6. In beiden wählen die Splittergruppen Namen, die implizieren, sie verträten alle aus der Gesamtgruppe (DIE Linke, katholisch (allumfassende), orthodox (rechtlehrend), evangelisch (glauben die anderen nicht an die Gute Nachricht?) Baptisten (taufen nicht alle Christen?) )
  7. Beide definieren sich stark über Abgrenzung: anti-faschistisch, -kapitalistisch, -klerikal, -sexistisch und Absprechung des Heils anderer Christen z.B.: „Der Papst ist der Antichrist“, weitverbreiteter anti-Kommunismus.
  8.  Beide wollen zwar die Massen erreichen, haben aber Berührungsängste mit allen, die nicht ihrer Lehrmeinung sind und treten mit diesen nur in Beziehung, um sie zu verändern, ja nicht, um selbst verändert zu werden.

Wahrscheinlich ist der letzte Punkt der, der dafür gesorgt hat, dass beide ihr Ziel immer noch nicht erreicht haben.

Mein Schutzheiliger

Heute ist St. Martin und im ganz Deutschland ziehen Kinder mit Laternen durch ihr Dorf, singen „Ich geh mit meiner Laterne“ und essen Martinsmännchen.

So lange ich mich erinnern kann, mochte ich diesen Tag. Der Umzug kommt direkt an unserem Haus vorbei und einige Minuten vorher hört man schon die Blaskapelle vorbeiziehen. Draußen ist es schon dunkel und die Laternen leuchten bunt, in die Dunkelheit hinein. Kinder rennen rum, werden auf dem Rücken getragen, werden immer wieder nutzlos ermahnt, ihre Laternen nicht so hin und her zu wackeln. Nie sieht man in Bammental so viele Kinder fröhlich singen und der unheimlichen Dunkelheit trotzen.

Es ist zumindest in B’tal auch Tradition, dass Grundschüler die berühmte Geschichte aufführen, in der Martin mitten im Winter seinen Offiziersmantel mit seinem Schwert teilt, um die Hälfte einem Obdachlosen zu geben, der nicht in die Stadt eingelassen wird. Bestimmt kennt ihr die Geschichte.

Ich glaube, dass der Sprengstoff dieser Geschichte gar nicht mehr richtig zur Explosion kommt, da wir sie schon so oft gehört haben, dasselbe Problem wie bei Weihnachten, oder Ostern.

Martin, der kleine Mars, entstammt einer militärischen Familie, der Vater ist Offizier und hat seinen Sohn gleich mal dem römischen Kriegsgott geweiht. Als Jugendlicher wird Martin Christ, ist aber schon im Militär. Die Kirche ist noch immer auf ihrem „radikal-pazifistischen“ Standpunkt, dass man seine Feinde nicht lieben kann, wenn man sie umbringt, weshalb Martin in der Armee bleibt, aber nicht kämpfen darf. Die Provinz Gallien, wo er stationiert ist, ist aber auch schon länger befriedet und er geht nicht auf Konfrontationskurs mit dem Militär. Voll der Mitläufer also.

Denkste. Der Mantel, den Martin teilt ist nicht sein eigener. Er ist Teil der Uniform und damit Staatseigentum. Ein Herrschaftssymbol. Und Martin zerschneidet es, um einem dreckigen Bettler Wärme zu spenden. Er zerstört Eigentum des Staates, weil dieser sich einen Dreck um die Ausgegrenzten schert. Das ist der erste Schritt von Martins Ungehorsam. Er sah in dem Bettler Christus und kleidete ihn.

Als der Kaiser die Truppen ein wenig später vor einer Offensive gegen die Barbaren versammelt, um ihren Kampfgeist zu stärken, verweigert Martin öffentlich dem Kaiser den Gehorsam, da er einem anderen Herrn dient, Jesus Christus, der ihm gebietet seine Feinde zu lieben. Um zu beweisen, dass er kein Feigling ist, bietet er an, nur mit einem Kreuz in der Hand, den Barbaren entgegenzutreten. Der Kaiser lässt ihn ins Gefängnis werfen. (Die Barbaren ergaben sich später ohne Kampf).

Auch später kritisiert Martin noch oft die Mächtigen, wird von der Volksmenge gegen seinen Willen gedrängt Bischof zu werden, und verteidigt vergeblich die Priscillianer vor Verfolgung zu schützen, obwohl er sie selbst für Ketzer hält.

Nach seinem Tod wurde er bald heilig gesprochen und sein Mantel (lat. cappa) als Reliquie verehrt. Die französischen Könige erwarteten davon Schutz und nahmen in mit in Schlachten, wo ein Priester, den Mantel trug (cappelani), daraus entwickelte sich der Begriff der Kapelle und des Kaplans. Die Militärseelsorger in der US-Armee heißen auch chaplains.

Heute ist St. Martin unter anderem Patron der Soldaten. Ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr die Kirche sich von ihren Wurzeln entfernt hat.

Mittlerweile nehmen die Kinder aus dem Anspiel beim Martinsumzug mit, dass Soldaten auch nette Menschen sind. Diese subversive Erzählung ist von der militaristischen Propaganda, die uns geprägt hat, usurpiert worden und hat ihre ursprüngliche Bedeutung verloren.

Ich schlage deshalb ein Moratorium auf diese Geschichte vor und denke wir sollten andere Geschichten aus Martins Leben dort spielen. Seine Verweigerung vor dem Kaiser zum Beispiel. Oder der Versuch die Ketzer vor Verfolgung zu retten.

Für mich ist St. Martin der Patron der Kriegsdienstverweigerer. Der Patron Franz Jägerstätters, der im Dritten Reich den Kriegsdienst verweigerte und dafür hingerichtet wurde, der Patron Phillipp Pereiras, einem Totalverweigerer aus der Umgebung Heilbronn, und mir, einem normalen Kriegsdienstverweigerer.

Es ist Zeit, dass diese Geschichten wieder erzählt werden, auf Martinsumzügen, in Predigten und Kindergottesdiensten.

Nachtrag: Ein wenig verspätet, aber jetzt trotzdem: Am Sonntag nach St. Martin habe ich mit den Kindern unserer Gemeinde im Kindergottesdienst über St. Martin gesprochen und wir haben Martinsmännchen und zerbrochene Gewehre gebacken.

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_von_Tours

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Martin_von_Tours.htm

SoundOff, Dezember 2009, Volume 6, Issue 4

Bilder: http://www.sankt-martin-pfalz.de/extras/martinus/legenda.html

Faschisten lieben?!

Diesen Text habe ich für das heutige von unserem Jugendkreis gestaltete Friedensgebet im Rahmen der Friedensdekade: „Es ist Krieg. Entrüstet euch.“ geschrieben.

Die Verse, die wir ausgewählt haben, sind:

 

Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden! Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes! Denn es steht geschrieben: „Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr.“
Wenn nun deinen Feind hungert, so speise ihn; wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken! Denn wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten! Röm 12,18,21
Als die Zeit näherrückte, in der Jesus die Erde verlassen und in den Himmel zurückkehren sollte, machte er sich entschlossen auf den Weg nach Jerusalem.
Er schickte Boten voraus; diese kamen in ein Dorf in Samarien und wollten dort eine Unterkunft für ihn besorgen.
Aber weil er auf dem Weg nach Jerusalem war, wollte man ihn nicht aufnehmen.
Als seine Jünger Jakobus und Johannes das hörten, sagten sie: »Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?«
Da wandte sich Jesus zu ihnen um und wies sie streng zurecht.
Sie übernachteten dann in einem anderen Dorf. Lk 9,51-56

Als ich an dem Haus vorbei lief, konnte ich meinen Augen kaum trauen, direkt aus dem Geschichtsunterricht trat der Faschismus direkt vor mich und forderte mich durch die gehisste Reichskriegsflagge in einem Bammentaler Garten heraus.
Allzu oft hatte ich solche Flaggen schon bei Naziaufmärschen gesehen, als dass ich sie als Symbol erzkonservativer Kaisertreue hätte deuten können – das war eindeutig ein Nazisymbol.
Was tun, als überzeugter Antifaschist? Wie die Jünger wünschte ich Feuer vom Himmel und überlegte dem himmlischen Treiben auch ein wenig nachzuhelfen. Eine brennende Flagge als Zeichen gegen brennende Bücher, Reichspogromnacht und Todeslager.
Symbolische Gewalt gegen Dinge ist für mich keine richtige Gewalt. Sie sendet ein Zeichen – aber was für eins ist die Frage.

Wahrscheinlich eins der Ablehnung und des Hasses. Zurecht, schließlich reden wir hier vom Faschismus, den ich auf jeden Fall ablehne und auch hasse. Aber was ist mit dem Flaggenhisser? Lehne ich den auch ab und hasse ihn?
Ich muss zugegeben, dass ich es tue. All die Liebe, die Christus mir gezeigt hat, in seinem Tod für uns und die Auferstehung durch den Vater, Christi Vorbild und eindeutige Mahnung, all das fasziniert mich und zieht mich an, aber es hat mich nicht so erfüllt, dass ich diesen Menschen lieben kann.

Aber ich wollte mein bestes tun und so ging ich betend zu ihm hin, mein Vater stand mir im Gebet bei, und zitternd klingelte ich.

Die Tür öffnet sich und wir reden. Ich frage was er mit der Flagge bewirken will, er wird aggressiv, ich solle sein Grundstück verlassen, ich versuche auf meine Worte zu achten, sage ihm aber auch, dass die Flagge ein Nazisymbol ist – nein, ist sie nicht, dass sei die Reichskriegsflagge des Kaiserreichs – ich stimme ihm zu, aber mittlerweile benutzen sie Neonazis, und das Kaiserreich habe auch einen Weltkrieg zu verantworten.  Ich werde gepackt und durch seinen Glasvorbau gedrückt, ich rede weiter, davon, dass er sich bewusst sein müsse mit Neonazis in Verbindung gebracht zu werden, und bitte ihn die Flagge zu entfernen. Ich habe drei Sekunden sein Grundstück zu verlassen, sonst schießt er auf mich.
Ich stolpere die Treppe herunter und werde von ihm unter als Beleidigungen gemeinten Schreien, wie Anarchist  über das Gartentor geworfen. Draußen rede ich weiter, er zielt auf mich und ich fange bewusst an ihn zu provozieren: Ich bin doch draußen. hier herrsche immer noch Redefreiheit. Seine Partnerin fleht mich an zu gehen und will die Polizei rufen, er geht rein, um zu sehen, ob der Weg nicht auch noch zu seinem Grundstück gehört.

Als beide weg sind, nutze ich die Gelegenheit, zu verschwinden. Den ganzen Heimweg zittere ich und entdecke, dass ich vom Glas einen kleinen Kratzer davongetragen habe.

Ich bete für den Mann und bin nicht mehr wütend, eher traurig. Mein Vater ist auch noch mal hingegangen, wurde aber nicht bedroht. Die Flagge hängt immer noch. Ich laufe immer noch an ihr vorbei.

Was hat mein Einsatz nun gebracht?
Ich rede mir gerne ein, ich hätte brennende Kohlen auf sein Haupt gestreut, aber es scheint mir, dass ich ihn nicht in Gewissensnöte gebracht habe und er seine rechte Gesinnung nicht überdacht hat.
Wahrscheinlich hat das ganze vor allem mir etwas gebracht. Ich musste mich mit dem Mann auseinandersetzen, war physischer und verbaler Gewalt ausgeliefert und lernte, was es heißt für seine Feinde zu beten.
Ich versuche mein Bestes, aber bis jetzt kann ich den Mann nicht lieben. Ich räche mich nicht, sondern vertraue auf Gottes Gerechtigkeit und versuche dem Gutes zu tun, oder ihm aus dem Weg zu gehen.

KDV + Bild!

Begründung zur Kriegsdienstverweigerung

Eigentlich bin ich der Meinung, dass ich meine Weigerung, Kriegsdienst zu leisten, nicht begründen muss – ganz im Gegenteil – der Staat sollte mir beweisen, warum ich bereit sein sollte, eine Waffe in die Hand zu nehmen, andere Menschen zu verletzen und zu töten und selbst an Seele und Körper lebenslange Narben zu erhalten.

Da das Ganze so aber nicht läuft, werde ich im Folgenden meine Gründe liefern, warum ich dem Staat hier nicht zu Diensten sein kann und will.

Meine Eltern haben mir von klein auf gezeigt, dass Hass und Gewalt niemals zur dauerhaften Lösung eines Konflikts betragen, da nur Versöhnung und eine Herstellung gerechter Beziehungen dies bewerkstelligen können. Mein Vater war fünfundzwanzig Jahre im Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee tätig und arbeitete in den Kriegsgebieten des Jugoslawienkriegs in Flüchtlingslagern, wohin er uns oft mitnahm, wodurch ich die Zerstörung durch Panzer, Gewehre und Bomber mit eigenen Augen sah, während wir in die menschenleeren Touristengebiete fuhren. Meine Mutter hat ein großes Herz für sozialbenachteiligte Menschen, die teilweise Opfer von Gewalt wurden, und auch strukturelle Gewalt seitens des Staates durch entwürdigende Sozialhilfeprozeduren und rassistische Asylgesetze erfahren haben.

In der Gemeinschaft, in der ich mit meinen Eltern lebe, nehmen wir oft Gäste aus aller Herren Länder auf, die meinen Erfahrungshorizont enorm erweitert haben und es mir unmöglich machen, in fremden Menschen meine Feinde zu sehen.

Ich bin als Christ aufgewachsen und habe mich mit vierzehn Jahren entschieden, dass Jesus Christus meine einzige Autorität sein soll, woraufhin ich mich habe taufen lassen. In der gesamten Bibel wird von Gott als einem Gott der Befreiung, der auf der Seite der Armen und Unterdrückten steht, erzählt; einem Gott, der die rebellische Menschheit, die meint, selbst herrschen zu können und dabei sich selbst ermordet, trotz allem liebt und sich bemüht sie zurück zu gewinnen.

Im Neuen Testament wagt Gott den ultimativen Schritt, wird selbst Mensch und liefert sich unserer Gewalt aus, er, unser Schöpfer. Die Berichte von Jesu Leben sollten Christen ein Beispiel sein, wie sie leben sollen, am deutlichsten wird dies in der Bergpredigt (Matthäus 5-7), in der Jesus die Ausgegrenzten und Schwachen selig preist, und das Gesetz, das Mose von Gott erhalten hatte, zu Ende denkt.

Heißt es dort: „Du sollst nicht töten“ (2.Mose,20,13) – was für eine Kriegsdienstverweigerung schon ausreichen würde – so sagt Jesus „Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus, 5,9) und „Liebet eure Feinde“ (Matthäus, 6, 44) – was mir die Grundausbildung, in der die Befähigung zum Mord zentral ist, unmöglich macht.

Des Weiteren glaube ich, dass Gott der einzige Herr über Leben und Tod ist und selbst die Gewalt am Kreuz bezwungen hat. Somit kann ich dem Ruf zu den Waffen nur mit Ablehnung begegnen; stattdessen will ich versuchen, mich in Konflikten auf der ganzen Welt gewaltfrei auf die Seite der Ohnmächtigen zu stellen und mit meiner Liebe, die nur ein schwacher Abglanz der Liebe Gottes ist, Tätern und Opfern zu helfen versuchen, in eine gute Beziehung zurückzukehren.

Mit Schrecken stelle ich fest, dass die Bundesrepublik Deutschland, die 1949 unter dem Eindruck der Gräueltaten der Shoa und des verbrecherischen zweiten Weltkriegs gegründet wurde, und „Nie wieder Krieg“ gelobte, diesen Vorsatz über den NATO-Doppelpakt, die Wiedereinsetzung der Bundeswehr, samt Wehrpflicht, den Einsatz im Kosovo und nun in Einsätzen in aller Welt, ob am Horn von Afrika oder in Afghanistan, komplett fallengelassen hat, und namhafte Politiker wieder Angst machen vor Pazifisten und offen über das Erreichen wirtschaftspolitischer Ziele durch Militäreinsätze sprechen.

Ich muss vielleicht gar nicht mehr verweigern, da die Wehrpflicht bald ausgesetzt wird und die Bundeswehr damit eine Berufsarmee wird, die losgelöst vom Volk, schlagkräftig und effizient in aller Welt in umgangssprachlichen Kriegen umgangssprachlich töten und sterben kann. Dennoch will ich verweigern, da ich somit meine grundsätzliche Ablehnung des Militärs ausdrücke und gegen eine plötzliche Wiedereinführung der Wehrpflicht gewappnet bin.

Mit den Worten Martin von Tours, des Patrons der Soldaten und Kriegsdienstverweigerer: „Ich kann nicht für den Kaiser kämpfen, denn ich bin ein Soldat Christi.“

Wozu öffentliche Bibliotheken führen können

Robs hat einen neuen Artikel geschrieben, eine Anekdote aus der Gemeinde über Autonomie und einfaches Leben, und über ein Buch, das in ihrer Gemeindebibliothek vorhanden sein wird. Er schreibt auch, dass ihn dieser Blogeintrag über Andrew Carnegie“ nochmal bestätigt hat in der Idee die Gemeindebibliothek zu gründen.

Mal nachsehen, vom wem „dieser Blogeintragist. Ah, Kerstin, von ihr habe ich schon länger nichts mehr gelesen, schön was schreibt sie denn so über Andrew Carnegie, den zweitreichsten Mann der Welt, nach John Rockefeller?

„Vor fast 200 Jahren tat sich ein Weber in Schottland mit einigen anderen Männern zusammen. Sie stellten die fünf (!!!) Bücher, die sie besaßen, der Allgemeinheit zur Verfügung, eröffneten eine Leihbibliothek. Als dampfbetriebene Webstühle aufkamen und die Handweber mit der Konkurrenz nicht mithalten konnten, verarmte die Familie und wanderte nach Amerika aus.
Sein Sohn Andrew
[Carnegie] profitierte davon, dass ein reicher Bürger Philadelphias, seine private Bibliothek für interessierte Arbeiterjungs öffnete – man konnte sich jede Woche ein Buch ausleihen. Andrew bildete sich so gut er konnte und er hatte die Fähigkeit, Trends zu erkennen“

Da hat Robert also die Bestätigung für die Gemeindebibliothek her. Schön, dass Andrew trotz dem wirtschaftlichen Ruin seiner Eltern durch die industrielle Revolution eine zweite Chance bekommen hat. Hoffentlich behält er in Erinnerung was er erfahren und nutzt seine Fähigkeit, Trends zu erkennen“ dazu, den beginnenden Großkapitalismus zu erkennen und etwas für die zu tun, die ein ebenso hartes, oder härteres Schicksal hatten wie er.

Ich lese weiter:

„In seinem Essay “The Gospel of Wealth” schrieb er einige seiner Überzeugungen nieder. Für ihn war der Glaube an den Fortschritt und die Weiterentwicklung der Menschheit Antrieb und Motivation. Er war überzeugt davon, dass begabte Menschen den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt der Menschheit entscheidend voranbringen würden. Dass sie in dem Prozess auch reich würden, war für ihn selbstverständlich.“

Da Carnegie sich nicht als Christ bezeichnete, werde ich nicht auf den seltsamen Begriff des „Evangelium des Reichtums“ und den Widerspruch zum Evangelium Christi eingehen. Das könnt ihr selber tun, ich empfehle Matthäus 19,24.

Begabte Menschen bringen die Menschheit technisch und wirtschaftlich in der Tat weiter. Aber auf diesen Fortschritt kommt es doch gar nicht an. Es kommt darauf an, dass wir wissen, was wir mit den neuen Techniken anfangen sollen, ob diese uns hilft bessere Menschen zu sein. Gleiches gilt für die Wirtschaft.

Aber das tun sie beide gerade nicht, Technik macht uns abhängiger von der Wirtschaft, weil wir nicht länger wissen, wie wir ohne die Technik, die auf komplizierter Arbeitsteilung aufgebaut ist, leben sollen und die Wirtschaft redet uns ein, wir müssten immer mehr Technik kaufen. Um diese Technik herzustellen wird ein Großteil der Hersteller (der echten Hersteller!) ausgebeutet, muss in unwürdigen und giftigen Bedingung arbeiten, stirbt in Folge dessen früher und ihre Kinder haben keine Bildung – außer natürlich wenn wie bei dem jungen Carnegie ein netter reicher Mann die Bibliothek öffnet.

Das man reich wird, wenn man die Arbeitskraft derer ausnutzt, die ungebildet sind, deshalb keine andere Arbeit finden können und ihnen dann weniger zahlt, als das, was sie produzieren, wert ist, ist irgendwie selbstverständlich.“ .

Aber, „Er hielt es für eine Schande, wenn ein Mensch reich sterben würde.“

Mist, da hat er jetzt das ganze Geld, wohin nur damit? Der Artikel verrät uns wie Carnegie darüber dachte:

„- Geld zu vererben betrachtete er als Gefahr für den Charakter der Erben, die möglicherweise nicht gut mit dem Reichtum umgehen würden.
– Geld zu verteilen hielt er für unsinnig, da seiner Meinung nach viele Menschen es nur für Konsum, nicht jedoch für persönliche Weiterentwicklung verwenden würden. Nachvollziehbar. Als ich im Flugzeug über die Spenden las, sagte mein Sitznachbar: “Die sollten mir was von dem Geld geben.” Auf meine Frage, was er denn mit dem Geld tun würde, antwortete er “Going to the beach and party…and have some drinks.” Aha.
– Geld dem Staat zu vererben hielt er für unsinnig, da damit nicht sichergestellt wäre, dass das Vermögen auf eine gute Art und Weise und im Sinn des Spenders verwendet würde.
Damit blieb für ihn nur die Option
– Geld während der eigenen Lebenszeit in Projekte und Dinge zu investieren, die dem Wohl und dem Fortschritt der Menschheit dienen.
Andrew Carnegie, lebte gemäß seiner eigenen Überzeugungen. Für ihn war der Zugang zu Bildung sehr wichtig und so finanzierte er unter anderem den Bau und die Ausstattung von mehr als Tausend Bibliotheken. Auch die Carnegie Hall in New York wurde von ihm finanziert. Insgesamt spendete er zu seinen Lebzeiten mehr als 90 % seines enormen Vermögens für Bildung und andere soziale Zwecke.“

Ich muss Carnegie recht geben, die drei ersten Optionen sind Schwachsinn und würden wahrscheinlich großen Schaden anrichten, weil Menschen mit so viel Geld eben nichts anfangen können.

Und seine Lösung ist doch genial, der Mann finanziert nachhaltige Institutionen, die vielen Menschen geholfen haben.

Bleibt nur die Frage, wie vielen Menschen er auf dem Weg dorthin geschadet hat.

Wie viele sind wegen ihm verarmt und brauchten deshalb erst seine Hilfe?

Ich hoffe, dass die Gemeindebibliothek in Costa Azul keine Carnegies hervorbringt. Die Welt hat schon genug wohlmeinende Kapitalisten. Ich hoffe, dass die Gemeindebibliothek Aktivisten, Rechtsanwälte, Bauern, Pastoren und Politiker hervorbringt, die die Unterdrückung, die uns Technik und Wirtschaft gebracht haben beenden. In Paraguay, Südamerika und der ganzen Welt. Und wenn ich mir die Bücher ansehe, von denen ich weiß, dass sie dort stehen werden, bin ich guter Hoffnung.