Siedlerangriff?

Vorgestern ist hier etwas sehr seltsames passiert, das mir einige interessante Dinge über die Lage hier offenbart hat. Leider war ich nicht selbst dabei und kann euch die Geschichte nur weitererzählen, wie ich sie gehört habe, aber es ist wirklich so passiert:

Zwei weibliche Freiwillige pflückten am Rand des Grundstücks seltsame Zwergäpfel als sie einen Mann mit einem Esel sahen, der auf den Olivenbäumen des Nachbarn herumsprang, an ihnen zerrte und sein Bestes gab, sie zu zerstören. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie, dass sein Gesicht grün angemalt war.

Sie riefen ihm zu er solle aufhören und kamen auf ihn zu. Plötzlich hatte er einen Stein in der Hand rief: „What?! What do you want?“ Und dann noch einiges auf arabisch.Nach einer Weile ging er aber weg.

Sie riefen Daher, meinen Chef, und ich musste die Pferde von der Weide holen, damit sie nicht geklaut werden können.

Zum Verständnis der Situation sollte man noch wissen, dass es schon mehrmals vorgekommen ist, dass Siedler hier bei uns und in der ganzen Westbank Olivenbäume zerstört haben, die für viele palästinensische Familien die wirtschaftliche Grundlage sind und teilweise hunderte Jahre alt sind.

Als wir also beim Mittagessen und die Geschichte erzählt wird, lautet sie schon so: „Ein Siedler hat Olivenbäume zerstört. Das Gesicht hat er sich grün angemalt, um nicht erkannt zu werden, und das Arabisch war wahrscheinlich hebräisch (kann ja eh keiner unterscheiden), oder schon arabisch, aber Schimpfwörter.

Später kommt der Mann wieder (ohne Esel) und beschuldigt uns, wir hätten seinen Esel geklaut. Daher wird gerufen und unterhält sich auf arabisch mit dem Mann (erstaunlich für einen Siedler so gut arabisch zu können). Er macht ihm klar, dass wir den Esel nicht haben und ruft den Besitzer des Nachbargrundstücks an, um ihn zu informieren, was bei ihm eigentlich los ist.

Der Besitzer klärt uns auf. Der Mann ist Palästinenser und der Exmann der Tochter des Nachbarn. Er war anscheinend wütend auf die Familie seiner Exfrau und hat das ganze deswegen gemacht.

Keine Politik, nur eine Familientragödie.

Ich frage mich, wie oft das hier so ist. Das etwas wegen der Besatzung sofort als politisch motiviert verstanden werden. Im März wurde eine Siedlerfamilie in ihrem Haus ermordet. Wahrscheinlich war es ein Palästinenser, aber palästinensische Medien berichteten, es wäre ein Thailänder gewesen, der für die Familie gearbeitet hat und dem sie noch einiges Geld schuldete.

Egal, wer es war, niemand hat sich zu der Tat bekannt, warum ist es also so sicher, dass es eine politische Motivation war? In anderen Ländern bringen sich Leute auch grausam um und da sind es nur Verrückte, hier sind es alles gleich politisch motivierte Leute.

Ich will nicht behaupten, dass alle Siedlerangriffe und Terroranschläge nur die Taten von Geisteskranken sind. Sie haben klare politische Ziele, und der Konflikt gibt gerade gewaltbereiten Menschen eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Psychisch gestörte Menschen werden durch den Hassdiskurs auch instrumentalisiert, wie zum Beispiel in diesem Fall die Al Quds Brigade gesagt hat, sie wären es zwar nicht gewesen, aber es wäre trotzdem richtig.

Vielleicht gibt es hier in Palästina und Israel auch ganz viel Normalität, die trotz des Konflikts existiert und vom Konflikt beeinflusst wird.

Ich weigere mich, zu danken

Heute habe ich es im Gottesdienst einfach nicht mehr ausgehalten.

Die letzten Tage haben wir alle die schrecklichen Nachrichten aus Japan verfolgt, zuerst das stärkste Erdbeben seit Beginn der Messungen mit dem Tsunami, die alleine schon mindestens zehntausend Tote gefordert haben. Dazu kommt noch die Atomkatastrophe, was genau passiert ist, weiß ja niemand, die Informationen sind lückenhaft und sich widersprechend, aber es hört sich ziemlich grauenhaft an.

Dazu kommen noch: der weiterhin sein Volk abschlachtende Irre Gaddaffi, dass ein Freund von mir in Irakisch-Kurdistan gewaltfreie Aktivisten begleitet, aber niemand darüber berichtet grausame Verhältnisse, an die wir uns leider schon viel zu lange gewöhnt haben, und ich schreibe nächste Woche Abitur, was mich zwar eigentlich nicht sonderlich nervös macht, aber eigentlich meine Aufmerksamkeit verdient hätte.

Heute morgen also schaute ich Nachrichten und war wieder erschüttert und verzweifelt in meiner Ohnmacht, dem was in Japan geschieht gegenüber, und auch in Sorge, ob sich die deutsche Atompolitik endlich ändern wird, oder wie viele Katastrophen wir noch brauchen, bis wir merken, dass Atomenergie gefährlich ist. Da wurde wieder von „Brückentechnologie“ geredet, „die wir für den Übergang brauchen“, aber kein Wort wurde darüber verloren, dieses Konzept auch ernst zu nehmen, und diejenigen, die mit der angeblichen Brücke Millionen machen, für die Schäden haften zu lassen und den Rest des Profits für die Weiterentwicklung alternativer Energien zu benutzen.

Da wurden diejenigen, die jetzt einen deutschen Politikwechsel fordern, als pietätslos dargestellt, weil sie alles gleich zu einer innenpolitischen Debatte machten, und keinen Respekt vor den Opfern zeigten.

Verzweifelt und Trost suchend kam ich also in den Gottesdienst – und wir sangen Loblieder. Eines nach dem anderen. Wofür wir eigentlich lobten wurde nie so richtig klar, auch nicht, wie man in dieser Situation überhaupt loben kann und nicht zunächst mal klagen muss. In einem Gebet wurde deutlich, dass die Gottesdienstleitende ebenfalls bestürzt war, aber in der Liturgie habe ich es kein bisschen gespürt.

Es wurde Psalm 91 gelesen, und es klang für mich wie purer Hohn:

Auch wenn tausend neben dir fallen, zehntausend rings um dich her, zu dir wird es nicht kommen. Du siehst es noch mit eigenen Augen, wie er es den Gottlosen heimzahlt.          Psalm 91, 7 und 8

Ist das unsere Antwort auf das Leid in der Welt??:

Zum Glück hat es uns nicht erwischt.

Natürlich bin ich froh, dass es mich nicht erwischt hat, und ich sollte Gott dafür danken, aber ich kann es nicht. Ich bin nicht der Psalmist, der der Gefahr ausgesetzt war und heilfroh ist davon zu kommen. Ich sehe nur die zehntausend und weigere mich zu danken.

Die Schwester, die den Gottesdienst leitete, hat diesen natürlich vor dem Unglück geplant und hat gar nicht gemerkt, wie sich Lieder und Texte unter anderen Umständen jetzt anhörten. Sie wollte aus tiefstem Herzen Gott danken. Aber ich konnte es nicht, und wollte es auch gar nicht können.

Nach drei Liedern bin ich einfach aufgestanden und gegangen, meine Mutter holte mich ein, verstand aber, was mich bewegte. Sie ging wieder in den Gottesdienst und ich ging spazieren. Im Wald klagte ich Gott an und trauerte um die Japaner.

Gott hält meine Anklage aus und er tröstet mich. Aber noch will ich nicht getröstet werden. Noch klingt getröstet zu sehr wie vertröstet. Vertröstet auf andere Zeiten, auf das Reich der Himmel, auf die Apokalypse, die sich manche Evangelikalen ja gerade in solchen Bildern, wie wir sie in Japan sehen, vorstellen.

Ich will, dass Gott mit mir rechtet. Dass wir miteinander ringen, die Frage nach Theodizee neu beantworten. Zufriedenstellend beantwortet wird sie wohl nie sein, Jesus selbst ruft am Kreuz „Eli, eli, lama sabachthani?“

Diese Katastrophe ist in den Beginn der Passionszeit gefallen, in der Christen sich auf das Leiden und Sterben ihres Erlösers einstimmen. Ich mag diese Zeit, denn es ist die Zeit im Kirchenjahr, in der wir uns des Leids um uns mehr als sonst bewusst werden, und aufgefordert werden, in die Nachfolge Christi zu treten, der gelitten hat, der ungerechten Menschen willen.

Aber selbst Nachfolge wird Naturkatastrophen nicht verhindern können.

Gab es im Paradies Erdbeben?

Nachtrag: Als ich weg war, sagte im Gottesdienst jemand sie könne auch nicht danken, und als das Schweigen gebrochen war, äußerten viele den Wunsch einfach zu schweigen. Der Gottesdienst wurde spontan verändert und man schwieg und klagte vor Gott.

Ich liebe meine Gemeinde dafür, dass dies möglich ist und die Schwester als sie darauf angesprochen wurde, das Problem erkannte und einwilligte alles über den Haufen zu schmeißen. Ich habe ihr auch eine Mail geschrieben und mein Verhalten erklärt. Ich denke, wir haben kein Problem mit einander.

Mein irisches Tagebuch

Es ist jetzt schon zwei Wochen her, das ich heimgekehrt bin, aber jetzt komme ich endlich dazu euch einige der unzähligen Höhepunkte (es war fast ein Höhepunktgebirge) meiner Studienfahrt, die ursprünglich nur Nordirland beinhalten sollte, zu berichten.

Montag, 12.4., 6:00Uhr, Bammental: Ich muss aufstehen, und bin obwohl ich meinen Koffer schon vorher gepackt habe, bin ich zu spät. Kommen trotzdem pünktlich in Heidelberg an, ein Bus fährt uns nach Frankfurt, nicht ohne dass zuvor der erst von vielen Sprüchen wie: „Benni, ist das dein Koffer, der da noch am Straßenrand steht?“ geäußert wurde. Da ich meinen Palästinenserschal vorsorglich im Koffer verstaut hatte und mein Name scheinbar noch nicht auf der „terrorverdächtig, weil mal Arabischschüler“-Liste steht, darf ich einchecken. Der Flug ist ruhig, im Dubliner Flughafen, bekomme ich auf Nachfrage einen Einreisestempel, leider ohne Wappen… Wir bekommen eine Touristeninfo über Nordirland ausgeteilt, in der viel über Belfast und das Land steht, die Troubles aber mit keinem Wort erwähnt werden – es fühlt sich seltsam an. Noch ein Bus, der uns nach Belfast fährt, der Linksverkehr irritiert mich, was noch den Rest der Studienfahrt so bleiben wird. Ankunft in Paddy’s Palace, einem zurecht billigen Hostel, sichere mir ein Hochbett, um mir nicht den Kopf anzustoßen. Der Rest des Tages ist gefüllt mit einem Stadtspaziergang und einem Pubbesuch.

Das erste Guinness ist magenbeunruhigend schwer, schließlich darf man ein Guinness erst trinken, wenn man ihn den Schaum sein Gesicht malen kann. Die Liveband im Robinson’s infiziert mich mit dem Ohrwurm der Studienfahrt: 500 miles.

Dienstag, 13.5., 8:00 Uhr (eigentlich 9:00 Uhr in Deutschland): Spätes Aufstehen – zwei Daumen hoch. Nach dem Frühstück machen wir eine Busrundfahrt und steigen an verschiedenen Plätzen aus, um die wundervollen Vorträge der anderen Studienfahrtteilnehmer anzuhören, die (teilweise)  komplett aus Wikipedia kopiert eigenständig vorbereitet waren. Während der Rundfahrt kommen wir das erste Mal durch die Belfaster Viertel, die eine weltweite traurige Berühmtheit durch die Troubles, wie die Zeit der Kämpfe zwischen loyalistischen (Leuten, die weiterhin mit Großbritannien verbunden sein wollten) und republikanischen (denjenigen, die zum Rest von Irland gehören wollten) paramilitärischen Gruppen und zeitweise der britischen Armee in den 1970ern bis 1998 genannt wird, erlangten.

Es war faszinierend und beängstigend zugleich, durch die Straßen zu fahren, wo noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt, Bürgerkriegsstimmung und gleichzeitig „Normalität“ herrschte. Noch krasser war, dass man im Stadtkern, gar nichts von der Auseinandersetzung sah, dort gab es noch nicht mal Wahlplakate der Sinn Fein oder der Unionisten (gemäßigte Loyalisten); nur Plakate des nordirischen FDP-Äquivalent, nach Aussage eines Busfahrers: „Those people only get voted by doctors and they’re are just nonsense“ – Ist es nicht überall das Gleiche?

Das zweite Guinness wird schon besser…

Mittwoch, 14.4: Heute kriegen wir eine Führung durch Falls Street, dem katholischen Arbeiterviertel Belfasts, von Seamus, der zehn Jahre für die Unabhängigkeit als IRA-Mitglied im Gefängnis saß und heute für eine von der EU-finanzierte Organisation namens Coisture arbeitet. Er erzählt mitreißend von der Unterdrückung, die die Katholiken hier in Falls und ganz Nordirland erlitten, vom Beginn der Troubles, von der „Vergewaltigung der Falls“, als die Armee das Viertel nach Waffen durchsuchte, von den Hungerstreiks, bei denen sich IRA-Aktivisten im Gefängnis zu Tode hungerten, um als politische Gefangene anerkannt zu werden, vom Towel und Dirty Strike, bei dem sie sich weigerten Sträflingsuniformen zu tragen, sich in Laken wickelten und sich nicht mehr wuschen, er rechtfertigt den gewaltsamen Widerstand gegen die britische Unterdrückung und ich verstehe ihn, auch wenn ich weiterhin glaube, dass Gewalt keine Probleme löst, wie man in Falls sehen kann.

Am Übergang zur Shankill Road, dem protestantischen Arbeiterviertel, das von Falls durch meterhohe „peace lines getrennt ist, treffen wir unseren protestantischen Führer, der zehn Jahre für die Ulster Volunter Force im Gefängnis saß. Er und Seamus geben sich kurz die Hand, dann verschwindet Seamus so schnell er kann wieder nach Falls, ihm ist es immer noch deutlich unangenehm in Shankill zu sein. Unser neuer Führer redet viel davon, dass es ihnen ja auch nicht gut gegangen ist und wenn man die alten Häuser sieht, merkt man, dass hier schlicht und einfach zwei arme Schichten aufeinander gehetzt wurden. Davon, das Nordirland und Irland ja jetzt in der EU wären und man vorwärts sehen müsse. Er schafft es nicht uns seine Sicht der Dinge so nah wie Seamus zu bringen, dass ich seinen Namen vergessen habe, sagt auch schon genug aus.

Der Tag, reich an Eindrücken, endet mit einem von meinen Zimmergenossen gekochten Colcannon und dazu Guinness oder wahlweise Cider.

Donnerstag, 15.4.: Einen ganz Tag (fast) nichts politisches, sondern einfach nur die Landschaft genießen. Wir überqueren eine Brücke in schwindelerregender Höhe, sehen den Giant’s Causeway, eine einst von Riesen erbaute Landbrücke zwischen Schottland und Irland, die leider auch von Riesen zerstört wurde. Das Zertifikat fürs Überqueren der Brücke werde ich in meinen Lebenslauf einfügen und auch, dass ich im Atlantischen Ozean geschwommen bin, wodurch mein Herz den Rest des Tages seltsam schnell geschlagen hat. Die irische Landschaft ist unglaublich schön und es tut gut einen Tag lang ein einfacher Tourist zu sein und die ganzen politischen Zusammenhänge zu ignorieren.

Mittlerweile beschäftigen uns in der Gruppe auch ganz andere Dinge. Der Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen ist ausgebrochen und wie es aussieht kommen wir nicht mehr nach Hause. Während wir Schüler sich freuen über die verlängerte Studienfahrt, versuchen unsere Lehrer herauszufinden, welche Möglichkeiten es gibt, doch noch irgendwie nach Hause zu kommen.

Guinness schmeckt mittlerweile richtig gut.

Freitag, 16.4: Der Bus fährt uns nach Stroke City – die Schrägstrich-Stadt. Dieser Name wurde von Journalisten geprägt, die den Vorwurf der Einseitigkeit umgehen wollten. Denn eigentlich heißt sie je nach politischer Gesinnung Derry oder Londonderry. Hier verschlossen einst die Apprentice Boys den katholischen Zurückeroberern das Stadttor, sodass Nordirland protestantisch blieb, und hier fand am 30. Januar 1972 ein gewaltfreier Bürgerrechtsmarsch sein blutiges Ende als britische Paratroopers, eine Art Elitesoldaten, das Feuer auf die Demonstranten eröffnete und 13 Menschen erschossen, die meisten davon in den Rücken, als sie gerade flüchteten.

Hier, im katholischen Arbeiterviertel, Bogside, treffen wir Bob Kelly, der hier schon sein ganzes Leben lang wohnt und als Kind und Jugendlicher die Troubles und Bloody Sunday erlebt hat. Er und zwei Freunde haben diese Erlebnisse in Gemälden verarbeitet, Gemälde, die auf Häuserwände gemalt wurden. Derry ist für diese Murals mittlerweile weltberühmt, aber Bob und seine Freunde kriegen keine Unterstützung von der Stadt oder von der Regierung nur von den Leuten von Bogside kriegen sie ein wenig Geld für die Farben. Die drei nennen sich die Bogside Artists und sind während der Sommermonate eigentlich immer in ihre Gallerie zu finden, die für alle offen ist.

Bob führt uns durch die Bogside und erzählt von Bloody Sunday, von den täglichen Kämpfen, die sich zwischen Polizei und republikanischen Jugendlichen entwickelten und so zur Regel wurden, dass man zur Teatime pausierte. Er erklärt die Geschichten der Bilder, die Farbwahl, die persönlichen Randnotizen.

Er erzählt, das jedes Haus in der Bogside mindestens zweimal durchsucht wurde, wobei alles zerschlagen wurde. Erzählt wie Freunde von ihm unbeteiligt am Konflikt waren, aber irgendwie zwischen die Fronten gerieten und dafür mit dem Leben bezahlten. Immer wieder deutet er auf Gesichter in den Bildern und erklärt, woher er diese Menschen kannte. Beim Bild Petrol Bomber erzählt er uns von den Kindern, die Molotowcocktails bauten und dachten, sie könnten sich mit kaputten Gasmasken aus dem Zweiten Weltkrieg vor dem Tränengas schützen, die die Wirkung in Wirklichkeit nur erhöht haben.

Dann erzählt er uns von Free Derry, dem Viertel, das die Armee nicht mehr wagte zu betreten, weil sich die Katholiken organisiert hatten und von der Frau, die sie organisiert hatte: Bernadette Devlin McAliskey, die daraufhin jüngstes Parlamentsmitglied in der Geschichte wurde. Heute setzt sie sich für Immigranten ein.  Der Tod der Unschuld, wahrscheinlich mein Lieblingsbild. Es hat einige Veränderungen durch gemacht, früher war der Schmetterling nicht ausgemalt, das Kreuz dunkler und das Gewehr (nicht gut zu erkennen) noch ganz. Durch den Friedensprozess haben die Künstler diese Dinge dann in den heutigen Stand verändert.

Bob inspirierte mich sehr, da er für mich ein Zeugnis ist, wie man um Erinnerung bemüht sein kann, die die geschichtliche Wahrheit der Unterdrückung und Ungerechtigkeit benennt, und trotzdem die Hand ausstreckt zur Versöhnung. Ganz anders ist da das Museum of Free Derry, das von einem Angehörigen eines der Opfer von Bloody Sunday geleitet wird und der Ungerechtigkeit gedenkt, aber jeder Hoffnungsschimmer erstickt in dem muffigen Gebäude in dem die ganze Zeit der Livemitschnitt von der Demonstration läuft, wie am Anfang gesungen wird, und die Stimmung plötzlich umschlägt…

Wir sprechen in unserer Zimmergemeinschaft über unsere Gedanken zur Führung und dem Museum. Meine Kamera funktioniert plötzlich nicht mehr.

Am Abend feiern wir unseren „letzten“ Abend mit den Lehrern – über eine halbe Stunde länger als ursprünglich erlaubt :D..

Samstag, 17.4.: Wir fahren mit dem Bus nach Dublin und singen Karaoke. Wir haben mit Glück ein Hostel einer anderen Studienfahrt, die im Gegensatz zu uns, die wir nicht von Irland runterkommen, nicht reinkommen, erhalten. Das ist sehr viel schöner als Paddy’s Palace, aber dafür verwinkelter (Treppe hoch, laufen, Treppe runter, Treppe hoch…) und teurer.

Meine Zimmergenossen und ich sehen uns Dublin an, das viel schöner, aber dafür langweiliger ist als Belfast. Der Lonely Planet ist unser Reiseführer.. Ob wir nach Hause kommen ist unsicher

Sonntag, 18.4.: Ich besuche mit einem Mädchen aus meinem Lateinkurs die lateinische Messe in der Dubliner Pro-Cathedral, die Stimmung ist so feierlich und der Weihrauch riecht gut. Der Chor singt wunderschön und wir verstehen die lateinischen Teile besser als die englischen. Mal ist der Luftraum offen, Mal nicht…

Montag, 19.4.: Wir entwerfen in Gruppen Stadtrallys und lösen dann die einer anderen Gruppe. Teilweise fehlen ganze Hinweise, aber irgendwie kriegen wir es doch hin und haben dazwischen riesig viel Spaß. Wir werden Dienstag unsere Odyssee nach Hause beginnen und feiern noch Mal unseren letzten Tag, jetzt aber wirklich.

Dienstag, 20.4.: Viel zu früh stehen wir auf und besteigen die erste Fähre nach Holyhead, Wales. Es gibt ein riesiges Gerangel bei der Ankunft bis wir endlich unser Gepäck haben. Dann durch Wales und England nach Hull, wo wir die Nachtfähre nach Zebrugge nehmen. Auf der Fähre erleben wir überteuertes Essen, räuberische Wechselkurse, Playback-Livekünstler, und Glück und Pech im Spiel. Wir werden in den Schlaf geschaukelt.

Mittwoch, 21.4.: Mein Frühstück fällt den Schwankungen auf hoher See zum Opfer, aber zum Glück gibt es an Bord ja ein Buffet. Als wir in Belgien ankommen fahren wir sofort mit dem Bus weiter und kommen abends endlich in Bammental an. Wobei wir von mir aus auch noch ein paar Wochen auf der grünen Insel hätten bleiben können…

christlicher Busfahrer Eine Stellenanzeige für Busfahrer – natürlich im Bus. Voraussetzungen: 25-35Jahre alt sein, Führerschein, Geburtsurkunde, etc besitzen, Fahrerfahrung und ein guter Christ sein.

So viel zu Religionsfreiheit im Berufsleben.

Auf der anderen Seite sind hier alle „Christen“: Sie leben zwar nicht danach, aber sie sind „Christen“, von daher hat nur der ehrliche Atheist, Muslim, Buddhist, Jude, oder was man auch sonst sein mag ein Problem.

El clasico, zum zweiten

Nach dem anstrengenden Samstag war am Sonntag auch noch das Clasico: Das Zusammentreffen von Olimpia und Cerro.

Also war ich wieder einmal im Stadion (das zweite Mal in Paraguay, das zweite Mal in meinem Leben).

Beim Tickets kaufen vom Straßenhändler hätten wir fast 80.000 Guarinies gespart: zwei Schwarzhändler rannten in unterschiedliche Richtungen mit meinem Geld weg, um es zu wechseln und gaben jedes Mal Wechselgeld. Aber sie kamen dahinter, umzingelten uns, und erlösten mich von meinen Gewissensbissen.

Im Stadion gings mal wieder fröhich ab, bei der Gegenseite nicht so: es gab eine riesige Schlägerei im Lager der Cerristas und die Polizei musste aufmarschieren, mit Helm und Schild.

Das 1:0 fiel für Olimpia in der ersten Halbzeit, während ich über meinen steifen Hals und Rückenschmerzen von gestern klagte; das Ausgleichstor bekam ich mit, aber beim Mitteilen der Nachricht an Robert via SMS, verpasste ich das gleich darauf folgende 2:1 von Olimpia!

Dieser Spielstand blieb bis zum Abpfiff, unser Lager war am Durchdrehen vor Freude.

Tödliche Halbwahrheiten

Nachdem ich dem Argument, das die HI-Viren kleiner seien, als die Latexporen in den Kondomen und Kondome deshalb nicht vor AIDS schützten, schon zum zweiten Mal gehört hatte und mit einfachem Widerspruch nicht weitergekommen war, beschloß ich, nachzuforschen.

In den Büchern (wie altmodisch, ich weiß) der Schulbibliothek habe ich nichts gefunden, weder einen Durchmesser von der HI-Viren, noch den der angeblichen Poren im Kondom, Wikipedia verriet mir einiges über die Geschichte des Kondoms und versicherte mir „Das Kondom ist das einzige Verhütungsmittel, das nicht nur eine Schwangerschaft, sondern auch eine Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten (beispielsweise HIV, Gonorrhoe und Hepatitis C) weitgehend verhindert.“

Aber es gab mir keine Erklärung, wie das denn zugehen könnte, wenn doch die Poren im Latex größer sind, als die HI-Viren – alle anderen Seiten die ich durchsuchte auch nicht.

Dann schließlich fand ich in einem Forum für Schwule, Lesben und Transsexuelle (ich frequentiere solche Seiten normalerweise nicht, aber Google gab sie als Suchresultat an und ich bin ja nicht homophob) die Antwort, die ich gesucht hatte.

Also kurz zusammengefasst für alle Wissbegierigen und Besorgten:

Ja, HI-Viren sind (um Einiges) kleiner als die Poren in Kondomen. ABER Viren sind außerhalb einer Wirtszelle nicht lebendig, wie euch jeder Biolehrer bestätigen wird. Deshalb werden sie nur in der Körperflüssigkeit – in diesem Fall Sperma, oder Blut – transportiert. Diese kann aber aufgrund ihrer Oberflächenspannung NICHT durch die Poren gelangen.

Also sind Kondome weiterhin die einzigen Verhütungsmittel die auch vor Geschlechtskrankheiten wie Syphillis und AIDS schützen.

QED

Jetzt muss ich das am Montag nur gescheit rüberbringen, damit die Leute mir nach dem ersten Satz, ja, die Poren sind größer als das Virus, noch zuhören.

Aber jetzt zum Titel des Eintrags: Ich hasse diese Halbwahrheiten und Falschinterpretationen von Fakten. Die Poren in den Kondomen sind größer als die HI-Viren? – Oh nein, ich muss alle warnen!!! Aber ein wenig weiter zu denken, das wagt niemand.

Und die Kondomverfechter sind größtenteils auch nicht besser:

Der Papst sagt also die Viren kommen durch die Kondome durch? – Nein, es gibt gar keine Löcher. Wir haben Studien, vertraut uns. Wir können euch hier nicht erklären, wieso das so ist, aber das würdet ihr ja eh nicht verstehen.

Also ich fände mich beim Papst ernster genommen. Der hat mir wenigstens was erklärt. Zwar falsch, aber als nur mäßig wissenschaftlich interessierter Mensch weiß ich das ja nicht, genauso wenig wie der Papst, oder mein Lehrer.

Ich hoffe mit diesem Post den Wissbegierigen einen Dienst erwiesen zu haben, die eine Erklärung haben wollen, statt Vertröstungen.

So schlecht ist meine Schule gar nicht

Schock und Anscheinend ist meine Schule doch nicht so schlecht, das waren meine ersten Gedanken.

Also, eins nach dem Anderen: Wie alle paraguayischen Medien heute berichten, hat gestern ein 82-jähriger -das der überhaupt noch unterrichten darf – Lehrer wurde von seinen Schülern gefilmt, wie er ihnen im Unterricht seine Pistole zeigte; mit der Begründung sie seien

unerträglich

gewesen. Dem Fernsehen sagte er:

Ich sagte ihnen, dass ich eine Waffe habe und wenn jemand ein Problem damit hat, soll er raus und auf der Straße auf mich warten.

Das Video hat keine gute Qualität, man versteht nicht, was gesagt wird, aber man erkennt klar, dass der Lehrer eine Pistole in die Luft hält.

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Der Lehrer wurde bis auf weiteres suspendiert.

Hier findet man das Video. Ich kann es leider nicht auf den Blog bringen, da ich nicht weiß, wie es geht. Auch wenn man das Gesagte ohne Spanischkenntnisse nicht versteht, die Bilder erklären sich eigentlich von selbst.

In meiner Schule tragen die Lehrer keine Waffen und die Meinungsverschiedenheiten werden mit Worten ausgetragen.

Nachtrag: Auf Youtube habe ich das Video dann doch noch gefunden, funktioniert’s?